Dr. med. Parnian Parvanta: Menschlichkeit ist ein globales Gut
Dr. Parnian Parvanta ist Vorstandsvorsitzende von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland und Gynökologin in einer Praxis für Pränatalmedizin in Mainz. Zuvor war sie von 2021 bis 2023 stellvertretende Vorsitzende und seit 2019 ist sie Mitglied des Vorstands von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Ihr Engagement für die international als Médecins Sans Frontières bekannte Organisation begann 2011 mit ihrem ersten Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik. Seitdem leistete sie humanitäre medizinische Arbeit in Indien, Nigeria, Côte d’Ivoire und Irak. Die in der afghanischen Stadt Kabul geborene Dr. Parvanta floh gemeinsam mit ihrer Familie im Alter von acht Jahren nach Deutschland. Sie wuchs in Kaiserslautern auf, studierte an der RWTH Aachen und war zuletzt Oberärztin an der Uniklinik Mainz. Das Interview führte Haya Saadun. SWANS: ,,Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Die ersten Jahre meines Lebens bin ich in Kabul in Afghanistan aufgewachsen. Ich bin im Krieg geboren und habe auch Erinnerungen daran, wie er sich auf unser Leben ausgewirkt hat. Die Bombeneinschläge, die Bewegungseinschränkungen, der häufige Stromausfall. Dennoch habe ich diese Zeit als eine schöne Zeit in Erinnerung, in der ich von meinen Eltern und Geschwistern, von Verwandten und Freunden umgeben war. Trotz des Krieges habe ich als Kind eine innere Sicherheit gespürt in der bekannten Umgebung mit meiner Familie. 1990 sind wir nach Deutschland geflohen. Die Reise hierhin und selbst die ersten Monate im Aufnahmelager waren für mich noch aufregend. Nach der Einschulung begann für mich dann eine sehr schwierige Zeit. Ich habe als Kind sehr schnell Deutsch gelernt und habe die Ablehnung, die uns vor allem auf institutioneller Ebene entgegenschlug, sehr schnell verstanden und gespürt. Zugleich aber spürte ich auch, dass es ein Privileg war, hier zu sein. Denn in Afghanistan haben die Taliban das Land eingenommen und Mädchen den Zugang zu Bildung verwehrt. Unser Asylverfahren hat rund acht Jahre gedauert. In dieser Zeit erhielten wir immer nur sehr kurze Aufenthaltszusagen, meist für sechs Monate, manchmal nur für drei. Die Unsicherheit und die Unklarheit habe ich als belastend empfunden, genau wie die Einschränkungen, die uns auferlegt waren. Dazu gehörte z.B. die Residenzpflicht, also die Vorgabe, dass wir uns nur in einem bestimmten Umkreis um unseren Wohnort bewegen durften. Sehr lange wusste ich nicht, ob ich die Schule in Deutschland würde abschließen können. Ich wusste auch nicht, ob wir irgendwann das Land verlassen müssen und falls ja, wohin es dann geht. Erst kurz vor meinem Abitur haben wir schließlich einen Aufenthaltsstatus erhalten, der Sicherheiten, aber auch Bewegungsfreiheiten mit sich brachte und die Möglichkeit in naher Zukunft auch die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.’’ SWANS: ‚,Warum sind Sie Ärztin geworden?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Mein Großvater war Arzt, meine Tante hatte gerade in Kabul angefangen, Medizin zu studieren, als ich alt genug war zu verstehen, was Berufe sind. Ich fand damals die Vorstellung großartig, auch Ärztin zu werden. Das hat sich über die Jahre nicht geändert, auch in Deutschland nicht. Kurz vor dem Abitur, als es ernst wurde, habe ich mich gefragt, ob meine Begabungen nicht in anderen Bereichen liegen, jedoch wollte ich gerne mit Menschen arbeiten und bin daher dabei geblieben.’’ SWANS: ,,Wie kamen Sie zu Ärzte ohne Grenzen?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Ich kenne die Organisation schon sehr lange, ihre Arbeit hat mich bereits als junges Mädchen beeindruckt und als Studentin war ich immer wieder bei Infoveranstaltungen von Ärzte ohne Grenzen. Während des Studiums habe ich mich intensiver mit der Thematik “Medizin und Menschrechte” beschäftigt und auch hier bin ich immer wieder mit Ärzte ohne Grenzen in Berührung gekommen. Für mich war immer klar, dass ich Deutschland nicht als meine einzige Arbeitsstätte als Ärztin sehe. Nachdem ich mich mit verschiedenen Organisationen auseinandergesetzt hatte, habe ich festgestellt, dass ich mich am meisten mit Ärzte ohne Grenzen identifizieren kann.’’ SWANS: ,,Können Sie mir vom Alltag als Ärztin während eines Einsatzes erzählen?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,An den Orten, an denen wir arbeiten, ist kein Gebiet wie das andere, kein Tag ist wie der andere und doch gibt es viele Parallelen, übrigens auch zu Kliniken in Deutschland. Morgens wird eine Besprechung durchgeführt und Visite gemacht. Es kommen Notfälle und müssen entsprechend behandelt werden. Ebenfalls müssen Abschlussgespräche und Gespräche mit Angehörigen geführt werden. Fallbesprechungen und natürlich finden Teambesprechungen statt. Je nach Ort und Funktion hat man verschiedene Dienste und Schichten. An anderen Orten ist man wiederum für sehr lange Zeit oder gar durchgehend in Bereitschaft. Gleichzeitig ist jeder Ort, jedes Land, jede Klinik anders. Etwa, was die zur Verfügung stehenden Mittel angeht, die Krankheitsbilder, denen man begegnet und die Herausforderungen, mit denen man sich beschäftigen muss. Mal sind es sprachliche Verständigungsprobleme, mal Sicherheitsfragen, mal lange Wege bis zur nächsten größeren Klinik – und manchmal alles auf einmal. Wir arbeiten an allen Orten als Team mit einer großen Zahl nationaler Kolleg:innen, zum Beispiel OP-Pfleger:innen, Hebammen und OP-Personal, und einer kleinen Zahl von internationalen Kolleg:innen. Alle arbeiten eng zusammen. Unsere Richtlinien sind an die der Weltgesundheitsorganisation WHO angelehnt. Die helfen meist sehr, um mit Krankheitsbildern zurechtzukommen, die man nicht kennt. Oder mit den vor Ort zur Verfügung stehenden Diagnostikmöglichkeiten. Die größte Unterstützung für mich waren vor allem meine lokalen Kolleg:innen, die den Kontext und auch die Krankheitsbilder meist sehr gut kannten.’’ SWANS: ,,Gibt es einen Moment aus Ihrer Laufbahn, den Sie nie vergessen werden?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Viele! In Nordnigeria beispielsweise habe ich in einer großen Geburtsklinik gearbeitet. Dort waren wir mit Komplikationen konfrontiert, von denen ich dachte, dass es sie nur in Lehrbüchern gibt. Ich erinnere mich an eine 16 Jahre alte Patientin, bei der wir alles versucht haben und am Ende den jungen Ehemann dazugeholt haben, bevor wir alle Geräte abstellen mussten. Das Kind in ihrem Bauch war bereits vor ihrer Ankunft verstorben. Das sind zum Teil emotional sehr schwierige Momente, für das gesamte Team, vor allem aber natürlich für die Angehörigen. Und in Indien habe ich in einer Klinik gearbeitet, in der wir nicht die Möglichkeiten hatten, einen Kaiserschnitt vorzunehmen. Die nächste Möglichkeit für einen Kaiserschnitt war vier Autostunden entfernt, während der Monsunzeit brauchte man manchmal noch länger. Hier konnten wir leider nicht alle Kinder bei der Geburt retten. An diese Erfahrung denke ich oft, denn es ist schwer zu akzeptieren, wenn man Menschen nicht besser helfen kann. Aber dem gegenüber stehen die unzähligen Erfolgsgeschichten, die mir ebenso in Erinnerung geblieben sind. Darunter die eines jungen Mädchens in Indien, bei dem wir feststellen mussten, dass es eine multiresistente Tuberkulose hat. Wir haben sie dann entsprechend behandelt. Ihr Vater hatte unermüdlich für sie gekämpft.









