Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich muss im Mittelpunkt meines Lebens stehen.“
Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak ist Professorin für Interkulturelle Psychiatrie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie mit Schwerpunkt traumafokussierte Verfahren und EMDR. Sie leitet die Forschungsgruppe Interkulturelle Migrations- und Versorgungsforschung, Sozialpsychiatrie. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2006 von der Türkischen Gemeinde in Berlin, 2011 für ihre Suizidpräventionskampagne, 2014 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und 2022 von der World Association of Cultural Psychiatry (WACP). Sie ist Vorstandsmitglied der European Psychiatric Association (EPA), Vorsitzende deren Committee on Ethics, Vorstandsmitglied der WACP sowie stellvertretende Vorsitzende der Sektion Interkulturelle Psychiatrie der DGPPN und Präsidentin der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie (DTGPP). Seit 2022 gehört sie dem Vorstand des European Institute of Women’s Health (EIWH) an, dessen Vorsitz sie 2024 übernahm; seit 2025 ist sie President Elect der WACP. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Trauma und Traumafolgestörungen, psychische Gesundheit und Versorgung von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte, Diversität, Gender, Suizidalität sowie ethische Fragen. Das Gespräch führte Zekiye Tolu. SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“ Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich bin in einem kleinen Dorf in der Türkei aufgewachsen. Meine Kindheit war frei und unbeschwert: Wir Kinder streiften durch Wälder, sammelten Pilze und Blumen, jagten manchmal fremde Ziegen und verbrachten Sommer mit der Großfamilie auf der Alm Yayla. Zuhause hatten wir einige Tiere – es war eine einfache, aber für mich glückliche Zeit. Schwieriger wurde es, als meine Eltern nach Deutschland gingen. Meine Schwester und ich blieben zunächst bei den Großmüttern, bis entschieden wurde, dass auch wir nach Deutschland sollen. Die Reise ohne Eltern war aufregend und überfordernd zugleich. In Deutschland angekommen mussten wir schnell in die Schule – ich konnte gerade einmal „ja“ und „nein“ sagen. Trotzdem hatte ich Glück: Mein Klassenlehrer Hr. Müller unterstützte mich sehr. Ein anderer Lehrer sorgte dafür, dass ich aufs Gymnasium durfte. Eine Deutschlehrerin gab mir nachmittags kostenlos Nachhilfe, weil sie an mich glaubte. So wurde die Schule zu einem Ort, an dem ich Selbstvertrauen gewann und gute Leistungen zeigte. Zu Hause war es dagegen schwierig. Ich wehrte mich wiederholt gegen die Heiratspläne meiner Familie und gegen den Druck, den ‚Ruf der Familie‘ zu wahren. Am Ende setzte ich mich durch: Ich blieb in Deutschland, machte mein Abitur und ging meinen eigenen Weg. Ohne die Unterstützung einzelner Lehrer:innen und eines türkischstämmigen Sozialarbeiters hätte ich das wohl nicht geschafft. Meine Jugend war turbulent, voller Konflikte – aber sie hat mich stark gemacht und mir gezeigt, wie wichtig Bildung und Selbstbestimmung sind.“ SWANS: „Ihre Eltern haben Ihren Berufswunsch anfangs nicht gefördert, d.h. der Wunsch entsprang aus Ihrer eigenen Motivation?“ Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich bin die Erste in meiner Familie, die Akademikerin wurde. Bei uns gab es damals niemanden, der studiert hatte – das kam ganz aus meiner eigenen Motivation. Inzwischen gibt es zum Glück einige in der Familie, interessanterweise überwiegend Frauen.“ SWANS: „Warum haben Sie die Berufsrichtung Medizin gewählt?“ Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich wollte ursprünglich internationales Recht oder Biochemie studieren, weil mich diese auch sehr interessiert haben. Durch Gespräche mit Freundinnen kam ich schließlich zur Medizin – ich wollte helfen und dachte: ‚Ich probiere es einfach.‘ Als ich angenommen wurde, waren meine Eltern doch sehr stolz. Für das Studium entschied ich mich schließlich für Hannover. Meine Mutter wollte sogar ihren Job kündigen, um mitzukommen, ließ es aber, nachdem wir gemeinsam erkannten, dass das nicht nötig war.“ SWANS: „Sie haben einen sehr beeindruckenden Werdegang. Woher kam Ihr Ehrgeiz und was ist ihr Antrieb?“ Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ist das Ehrgeiz? Mein Ehrgeiz ist nicht aus dem Wunsch entstanden, besonders erfolgreich zu sein, sondern aus echter Freude an meiner Arbeit und dem Bedürfnis, Menschen zu unterstützen. Schon während des Studiums und später als Ärztin im Praktikum habe ich oft gedacht: „Das schaffst du nicht – du kennst hier niemanden, du bist fachlich noch nicht so weit.“ Doch jedes Mal, wenn ich eine dieser Hürden gemeistert hatte, hat mich das unglaublich motiviert. Dieses Gefühl, trotz Unsicherheit etwas zu schaffen, war ein wichtiger Treiber meines Ehrgeizes. Dazu kam, dass ich häufig die Erste war – die Erste in meiner Familie, die studierte, die Erste, die in diesen beruflichen Räumen stand. Das hat mich geprägt. Je mehr Verantwortung ich übernahm, desto klarer merkte ich, dass ich damit etwas bewirken kann. Als ich dann in Berlin in die Forschung einstieg, ohne vorher echte Forschungserfahrung gehabt zu haben, war das zunächst enorm herausfordernd. Aber genau daraus entstand eine neue Form von Antrieb: Wenn ich mich dort hineingebe, kann ich Dinge verändern. Besonders geprägt haben mich die Projekte, die wir entwickelt und umgesetzt haben. Viele davon waren gesellschaftlich relevant und emotional sehr intensiv. Das Berliner Bündnis gegen Depression war eines der ersten großen Vorhaben, bei dem ich merkte, wie wichtig vernetzte, kultursensible Aufklärung ist. Sehr eindrücklich war auch unser Suizidpräventionsprojekt für türkischstämmige junge Frauen mit der Kampagne „Beende dein Schweigen, nicht dein Leben!“ – eine Arbeit, die viel Mut, Vertrauen und Sensibilität erforderte, aber auch großes Echo fand. Später folgten weitere Projekte, etwa die „Female Refugee Study“, in der wir geflüchtete Frauen repräsentativ untersuchten, oder die Studie zur psychischen Gesundheit von Sexarbeiterinnen. Diese Themen sind nicht leicht, aber sie zeigen, wie wichtig Sichtbarkeit und wissenschaftliche Daten für marginalisierte Gruppen sind. Das hat meinen fachlichen wie persönlichen Antrieb enorm verstärkt. Mit der Zeit kamen daraus auch Habilitation, zahlreiche Publikationen und schließlich Leitungsrollen in deutschen, europäischen und internationalen Fachgesellschaften. Das war nie der ursprüngliche Plan – es hat sich ergeben, weil ich merkte, dass ich auf diesen Ebenen Strukturen mitgestalten kann und verändern kann. Mein Ehrgeiz ist deshalb gewachsen aus Freude am Lernen, aus dem Erfolgserlebnis, Herausforderungen zu meistern, und vor allem aus dem Wunsch, die Lebenssituation vulnerabler Gruppen wirklich zu verbessern. Das ist bis heute mein stärkster Antrieb.“ SWANS: „Mit welchen Herausforderungen sind diese Frauen typischerweise konfrontiert? Und welche Unterstützung erfahren sie, wenn sie sich an entsprechende Netzwerke wenden?“ Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Netzwerke sind sehr wertvoll, weil man beeindruckende, taffe Frauen beispielsweise am Kaminabend der Tagesspiegel, kennenlernt – etwa Schriftstellerinnen, Künstlerinnen oder Aktivistinnen wie Reyhan Şahin. Seyran Ateş z. B. ist auch eine sehr beeindruckende Frau,









