Ipek İpekçİoğlu: „Meine Mutter war meine Heldin.”
İpek İpekçioğlu, geboren 1972 in München und besser bekannt als DJ İpek, ist eine international gefeierte DJ, Musikproduzentin, Kuratorin und queer-Aktivistin, die zwischen Berlin und Istanbul lebt und arbeitet. Sie gilt als prägende Figur der globalen Club- und Musikkultur und ist bekannt für ihren einzigartigen Sound, der traditionelle Musik aus dem Nahen Osten, Anatolien mit elektronischer Tanzmusik verbindet. Seit den 1990er-Jahren tritt sie weltweit auf – von Berlin über New York bis in die Wüste Malis – und wird oft als „Queen of Eklektik BerlinIstan“ bezeichnet. Nach ihrem Studium der Sozialpädagogik, in dem sie sich bereits mit queeren Identitäten und migrantischen Lebenswelten auseinandersetzte, begann sie ihre künstlerische Laufbahn. Diversität, Migration, Gender und Queer-Perspektiven prägen sowohl ihre Musik als auch ihr kulturpolitisches Engagement. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet: 2005 gewann sie die World Beat DJ Competition in London, ihre Compilation Beyond Istanbul wurde in die Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik aufgenommen, das schwedische LGBTQ-Magazin QX wählte sie zum „hippesten DJ Europas“, 2018 erhielt sie den Preis für lesbische Sichtbarkeit des Landes Berlin und 2024 den Soul of Stonewall Award beim Berliner Christopher Street Day in der Kategorie „aktivistisches Lebenswerk“. Neben internationalen DJ-Auftritten kuratiert sie Musik- und Kulturveranstaltungen und ist im Netzwerk female:pressure aktiv. SWANS: „Wie würdest du deine Kindheit beschreiben? Wie bist du aufgewachsen?“ Ipek İpekçİoğlu: „Ich bin als Migrantin der zweiten Generation aufgewachsen. Meine Mutter kam 1966 zum Studium nach Deutschland, war alleinerziehend und arbeitete später selbstständig als Dolmetscherin. Dadurch lebten mein Bruder und ich früh ein sehr mobiles Leben zwischen verschiedenen Städten und Ländern. Meine Kindheit war geprägt von ständigen Ortswechseln – Unterbringungen bei Pflegefamilien, Internaten und Verwandten. Das ist typisch für viele Kinder von Migrant:innen, die oft wie ‚Kofferkinder‘ zwischen Ländern und Lebensrealitäten hin- und hergetragen wurden. Ein zentraler Teil meines Aufwachsens war das Pendeln zwischen Deutschland und der Türkei. Meine Mutter entschied bewusst, uns zeitweise in der Türkei einzuschulen, damit wir unsere Muttersprache richtig lernten und das sowohl schriftlich wie mündlich. So besuchte ich unter anderem ein Internat in Izmir und mehrere Schulen in Berlin. Erst Anfang der 1980er Jahre kam ich dauerhaft nach Berlin, wo ich in verschiedenen Bezirken lebte und zahlreiche Schulwechsel erlebte. Sprache spielte dabei eine ambivalente Rolle. Obwohl ich viele Jahre das deutsche Schulsystem durchlief, lernte ich Deutsch erst sehr spät wirklich sicher. In meinem schulischen Umfeld wurde überwiegend Türkisch gesprochen, und gezielte Sprachförderung fehlte. Rückblickend empfinde ich es als ein strukturelles Versagen, dass mir die sprachliche Integration trotz jahrelanger Schulzeit nicht ermöglicht wurde. Erst nach Abschluss meines Studiums konnte ich selbstbewusst sagen: Jetzt spreche ich Deutsch. Nach der Schule machte ich meinen Realschulabschluss, fand jedoch in der Zeit der Wiedervereinigung keinen Ausbildungsplatz. Ich ging zunächst nach England als Au-pair, wo mir mit zeitlichem Abstand klar wurde, wie sehr ich Deutschland – und insbesondere die deutsche Sprache – emotional verbunden war. Diese Erkenntnis führte mich zurück: Ich holte das Fachabitur im sozialen Bereich nach und studierte Soziale Arbeit. Während meines Studiums begann ich, mich intensiv mit queeren, migrantischen Lebensrealitäten auseinanderzusetzen. Ich gründete Gruppen, um türkische, migrantische und LGBTQI+-Perspektiven zusammenzubringen und Räume für Austausch, Kultur und Sichtbarkeit zu schaffen. Dieses Engagement wurde später zu einem prägenden Teil meines beruflichen und politischen Weges – und ist bis heute eng mit meiner eigenen Geschichte des Aufwachsens zwischen Sprachen, Ländern und Identitäten verbunden.“ SWANS: „Du gehst mit deiner Homosexualität offen um. Wie war der Weg bis dahin?“ Ipek İpekçİoğlu: „Der Weg zu einem offenen Umgang mit meiner Homosexualität war eng mit meiner Erziehung verbunden. Meine Mutter war eine sehr politisierte, feministische Frau, die selbst früh für Freiheit und Gleichberechtigung kämpfen musste. Sie vermittelte uns diese Werte von klein auf – durch Bücher, Theater, Operetten und Begegnungen mit Kunst und Kultur. Meine ersten feministischen und LGBTQI+-Texte habe ich auf Türkisch gelesen, weshalb ich lange dachte, diese Ideen kämen eher aus der Türkei als aus Deutschland. Schon als Kind merkte ich, dass ich anders war, fühlte mich nicht den gängigen Rollenbildern zugehörig und brauchte Zeit, das für mich einzuordnen. Mein Coming-out war kein schneller Prozess. Obwohl ich früh wusste, dass ich mich zu Mädchen hingezogen fühlte, hatte ich große Angst vor dem Gespräch mit meiner Mutter. Als es schließlich dazu kam, reagierte sie ruhig, offen und respektvoll. Sie stellte Fragen, ohne zu werten, und machte klar: Sie glaubt an Freiheit und Gleichberechtigung – und erwartet von mir, zu mir selbst zu stehen, wenn ich diesen Weg gehe. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass sie mich weder bevorzugen noch benachteiligen würde. Diese Haltung gab mir Halt, auch wenn der innere Prozess weiterhin herausfordernd blieb. Ein wichtiger Schritt war mein Aufenthalt in England. Die räumliche Distanz half mir, mich selbst auszuprobieren und Klarheit zu gewinnen. Nach meiner Rückkehr konnte ich meine sexuelle Orientierung offen benennen – zuerst gegenüber meiner Mutter, dann gegenüber der Welt. Ich entschied mich bewusst dafür, nichts zu verheimlichen, damit Menschen selbst entscheiden konnten, ob sie Teil meines Lebens sein wollen oder nicht. Aus diesem offenen Umgang entstand schnell politisches und gemeinschaftliches Engagement. Ich suchte aktiv nach anderen lesbischen Migrantinnen, insbesondere türkischsprachigen Frauen, um Erfahrungen zu teilen: über Familie, Religion, Rassismus und queeres Leben. Ohne Internet oder soziale Medien bedeutete das viel Eigeninitiative – Zettel aufhängen, Menschen ansprechen, Telefonnummern weitergeben, auf Demos und den ersten CSDs (Christopher Street Day) präsent sein. So entstand Anfang der 1990er Jahre in Berlin eine der ersten türkischsprachigen lesbischen Gruppen – ein Raum für Austausch, Zugehörigkeit und gegenseitige Stärkung.“ SWANS: „Hast du irgendwann Diskriminierung erfahren?“ Ipek İpekçİoğlu: „Direkte Diskriminierung habe ich in meiner engen Familie nicht erfahren. Im Gegenteil: Meine Mutter begegnete meiner Offenheit mit Pragmatismus und Rückhalt. Als ich meine erste deutsche Freundin mit in die Türkei zu meinen Großeltern nahm, war meine Haltung geprägt von Selbstverständlichkeit und Stolz. Die Botschaft meiner Mutter war klar: Wenn du für dein Leben einstehst und unabhängig bist, kannst du es auch selbstbewusst leben. Diese innere Haltung hat mich sehr gestärkt. Die Begegnung mit meinem Großvater, einer für mich lange sehr furchteinflößenden patriarchalen Figur, wurde zu einem Schlüsselmoment. Er stellte direkte, teils sehr persönliche Fragen – und ich antwortete ebenso offen. Entgegen meinen Erwartungen reagierte er nicht mit









