Migrations- und Fluchtgeschichte

Vorbilder

Aysel Osmanoglu: “Als Führungskraft ist es wichtig, den Sinn lebendig zu halten.“

Aysel Osmanoglu ist seit 2017 Vorständin der GLS Bank. Sie verantwortet die Bereiche Firmenkund:innen und Treasury, Kreditberatung und die Kompetenzcenter der Branchen, Strategie sowie Kommunikation. Aysel begann ihren beruflichen Werdegang 2002 als studentische Mitarbeiterin bei der Ökobank, die ein Jahr später von der GLS Bank übernommen wurde. 2006 wurde sie Trainee der GLS Bank und ab 2013 Bereichsleiterin Basisgeschäft und Marktfolge. Sie hat Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg und Frankfurt am Main studiert. Aysel Osmanoglu ist zudem diplomierte Bankbetriebswirtin im Fach Management der Akademie Deutscher Genossenschaften. Aysel findet ihre Inspiration und Energie in der Natur und in echter Begegnung und Verbundenheit mit Menschen. Sie schätzt die Fülle, die aus dem Zusammenkommen unterschiedlicher Perspektiven entsteht. Ihrer eigenen und inneren Entwicklung widmet sie gerne Zeit. Darin sieht Aysel die Quelle ihrer Wirksamkeit. Außerdem fährt sie gerne mit dem Fahrrad zur Bank. Das Interview führte Haya Saadun. SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“ Aysel Osmanoglu: „Ich hatte eine schöne Kindheit in Bulgarien. Ich ging in eine gut ausgestattete Schule und erinnere mich gerne an meine Klassenlehrerin. Die Ferien verbrachte ich bei meinen Großeltern auf dem Land. Meine Eltern haben meine ältere Schwester und mich immer unterstützt und gefördert. Eine große Veränderung war, als wir von Bulgarien in die Türkei übersiedeln mussten.  Das war ein großer Einschnitt in meinem Leben und auch in dem meiner Eltern. Von Sprache und Lebensraum bishin zu Schule und Beruf mussten wir uns als Familie alles neu aufbauen.“ SWANS: „Gab es Vorbilder oder Erfahrungen, die Sie früh geprägt haben?“ Aysel Osmanoglu: „Da sind viele Menschen, die mich inspiriert haben. Meine Eltern, meine Schwester, mein Großvater, mein Mann, meine Tochter. Meine ältere Schwester war mir auch immer ein Vorbild.“ SWANS: „Wie wichtig sind Vorbilder für Frauen mit Einwanderungsgeschichte?“ Aysel Osmanoglu: „Ich finde das Teilen von Erfahrungen wichtig. Insbesondere um als Frau oder gar als Mutter in einem Land gut ankommen zu können, sind die Erfahrungen anderer und die Wege, die andere gegangen sind, sowie Netzwerke enorm wichtig.“ SWANS: „Sie sind als junge Frau allein ausgewandert. Welche Hürden trafen Sie auf diesem Weg? Wie konnten Sie diese meistern?“ Aysel Osmanoglu: „Es war eine intensive und aufregende Zeit mit Höhen und Tiefen. Ich sehe mich im Studentenwohnheim bei einem Gruppenfrühstück. Alle redeten durcheinander, auf Deutsch. Meine Sprachkenntnisse reichten noch nicht aus, um alles zu verstehen und mitzureden. Da war es mir eng ums Herz. Also diese Anfangszeit war herausfordernd: die Sprache lernen, Einsamkeit aushalten, mich zurechtfinden, Anschluss finden. Ein Mitbewohner nahm mich in den Weihnachtsferien mit zu seiner Familie, sonst hätte ich allein im Wohnheim gesessen. Was für eine wundervolle Geste. Nach über 25 Jahren habe ich ihn vorletztes Jahr zufällig auf der re:publica in Berlin wiedergetroffen!“ SWANS: „Wie sieht die Tätigkeit als Vorstandsprecherin einer Bank aus? Wie sind Sie dazu gekommen?“ Aysel Osmanoglu: „Ich habe einen durchgetakteten Kalender und viele Termine – das ist die weniger überraschende Seite der Arbeit. Auch die Rahmenbedingungen im Finanzsektor sind sehr direktiv, es bleiben einem immer weniger unternehmerische Spielräume. Dennoch bereitet mir die Arbeit bei der GLS Bank viel Freude. Zum einen weiß ich, dass meine Arbeit Sinn macht und zum anderen arbeite ich mit meinen engagierten und motivierten Kolleg:innen und Kund:innen gemeinsam an den sozialen und ökologischen Zeitfragen. Mein Weg zur Vorständin war eine Entwicklung, die ich vielen Menschen auf diesem Weg zu verdanken habe, auch mir selbst. Ich war sehr engagiert, fokussiert und lösungsorientiert, wollte etwas bewegen.“ SWANS: „Was macht nachhaltiges Banking aus?“ Aysel Osmanoglu: „Nachhaltiges Bankgeschäft legt den Fokus auf die sozial-ökologische Wirkung des Geldes, als Kredit, als Kundeneinlage oder als Geldanlage. Es geht um konkrete Dinge, um Grundbedürfnisse, statt um Profit und Gewinnmaximierung. Wichtig ist dabei Transparenz, dass ich also nachvollziehen kann, wofür die Bank Kredite vergibt. In der GLS Bank veröffentlichen wir jedes halbe Jahr die vergebenen Kredite an Unternehmen und Projekte. Und aus dem Anspruch, eine sozial-ökologisch Wirkung zu erzielen, ergeben sich automatisch unsere Kernbranchen, die alle mit menschlichen Grundbedürfnissen zu tun haben. Ernährung, Wohnen, Energie, Gesundheit, Bildung gehören dazu.“ SWANS: „Woran erkennt man wirkliche Wirkung statt ‘Greenwashing’?“ Aysel Osmanoglu: „Man erkennt es an der Stringenz. Die sozial-ökologische Ausrichtung muss in der Strategie des Unternehmens verankert sein. Das heißt, es müssen soziale und ökologische Ziele gesetzt werden, die genauso gemessen und verfolgt werden, wie die ökonomischen Ziele. Es muss der entsprechende Rahmen gegeben sein. Bei der GLS Bank haben wir unsere Anlage- und Finanzierungsgrundsätze mit den entsprechenden Positivkriterien und Ausschlusskriterien definiert. An diesen Grundsätzen und Kriterien orientieren wir uns bei der Vergabe von Krediten oder bei der Anlage der Gelder. Weiterhin ist es sehr wichtig, darüber transparent zu berichten.“ SWANS: „Wie verändert Technologie, zum Beispiel Künstliche Intelligenz (KI), das nachhaltige Banking?“ Aysel Osmanoglu: „Technologie verändert unser nachhaltiges Banking. KI kann Muster erkennen, Risiken früher sichtbar machen und unsere Entscheidungen zur Wirkung präziser unterstützen. So entsteht mehr Zeit für Menschen und für die Frage, ob eine Finanzierung sozial und ökologisch trägt. Wir sehen schon heute, was möglich ist. In der Landwirtschaft kann die Künstliche Intelligenz Bodenfeuchte aus Bildern lesen und den Einsatz von Wasser und Dünger spürbar senken. Im Tierschutz kann sie Tierbestände in Schutzgebieten identifizieren und melden, wenn Lebensräume bedroht sind. Diese Daten helfen direkt, Arten zu bewahren. Trotz all dem bleibt Technologie ein Werkzeug. Haltung und Verantwortung können nicht automatisiert werden. Nachhaltiges Banking kann durch die Künstliche Intelligenz klüger, schneller und gerechter werden, wenn wir sie bewusst und gemeinwohlorientiert einsetzen.“ SWANS: „Welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die im Finanzbereich Karriere machen wollen?“ Aysel Osmanoglu: „Ich erlebe meine jungen Kolleg:innen als stark, kompetent und mit einem Bewusstsein für die Herausforderungen, die das Patriarchat immer noch stellt. Deshalb möchte ich keine Ratschläge verteilen. Was es braucht, sind adäquate Rahmenbedingungen und echte Gleichstellung, gleiche Bezahlung und das Überwinden von Rollenklischees. Das müssen wir aber nicht jungen Frauen aufbürden. Ich finde, da sind die Menschen gefragt, die heute in Führung sind. Sie müssen diese Bedingungen schaffen und erhalten. In der GLS Bank sind wir damit schon weit gekommen, trotzdem dürfen wir nicht nachlassen. Den

Vorbilder

Dr. med. Parnian Parvanta: Menschlichkeit ist ein globales Gut

Dr. Parnian Parvanta ist Vorstandsvorsitzende von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland und Gynökologin in einer Praxis für Pränatalmedizin in Mainz. Zuvor war sie von 2021 bis 2023 stellvertretende Vorsitzende und seit 2019 ist sie Mitglied des Vorstands von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Ihr Engagement für die international als Médecins Sans Frontières bekannte Organisation begann 2011 mit ihrem ersten Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik. Seitdem leistete sie humanitäre medizinische Arbeit in Indien, Nigeria, Côte d’Ivoire und Irak. Die in der afghanischen Stadt Kabul geborene Dr. Parvanta floh gemeinsam mit ihrer Familie im Alter von acht Jahren nach Deutschland. Sie wuchs in Kaiserslautern auf, studierte an der RWTH Aachen und war zuletzt Oberärztin an der Uniklinik Mainz. Das Interview führte Haya Saadun. SWANS: ,,Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Die ersten Jahre meines Lebens bin ich in Kabul in Afghanistan aufgewachsen. Ich bin im Krieg geboren und habe auch Erinnerungen daran, wie er sich auf unser Leben ausgewirkt hat. Die Bombeneinschläge, die Bewegungseinschränkungen, der häufige Stromausfall. Dennoch habe ich diese Zeit als eine schöne Zeit in Erinnerung, in der ich von meinen Eltern und Geschwistern, von Verwandten und Freunden umgeben war. Trotz des Krieges habe ich als Kind eine innere Sicherheit gespürt in der bekannten Umgebung mit meiner Familie. 1990 sind wir nach Deutschland geflohen. Die Reise hierhin und selbst die ersten Monate im Aufnahmelager waren für mich noch aufregend. Nach der Einschulung begann für mich dann eine sehr schwierige Zeit. Ich habe als Kind sehr schnell Deutsch gelernt und habe die Ablehnung, die uns vor allem auf institutioneller Ebene entgegenschlug, sehr schnell verstanden und gespürt.  Zugleich aber spürte ich auch, dass es ein Privileg war, hier zu sein. Denn in Afghanistan haben die Taliban das Land eingenommen und Mädchen den Zugang zu Bildung verwehrt. Unser Asylverfahren hat rund acht Jahre gedauert. In dieser Zeit erhielten wir immer nur sehr kurze Aufenthaltszusagen, meist für sechs Monate, manchmal nur für drei. Die Unsicherheit und die Unklarheit habe ich als belastend empfunden, genau wie die Einschränkungen, die uns auferlegt waren. Dazu gehörte z.B. die Residenzpflicht, also die Vorgabe, dass wir uns nur in einem bestimmten Umkreis um unseren Wohnort bewegen durften. Sehr lange wusste ich nicht, ob ich die Schule in Deutschland würde abschließen können. Ich wusste auch nicht, ob wir irgendwann das Land verlassen müssen und falls ja, wohin es dann geht. Erst kurz vor meinem Abitur haben wir schließlich einen Aufenthaltsstatus erhalten, der Sicherheiten, aber auch Bewegungsfreiheiten mit sich brachte und die Möglichkeit in naher Zukunft auch die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.’’ SWANS: ‚,Warum sind Sie Ärztin geworden?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Mein Großvater war Arzt, meine Tante hatte gerade in Kabul angefangen, Medizin zu studieren, als ich alt genug war zu verstehen, was Berufe sind. Ich fand damals die Vorstellung großartig, auch Ärztin zu werden. Das hat sich über die Jahre nicht geändert, auch in Deutschland nicht. Kurz vor dem Abitur, als es ernst wurde, habe ich mich gefragt, ob meine Begabungen nicht in anderen Bereichen liegen, jedoch wollte ich gerne mit Menschen arbeiten und bin daher dabei geblieben.’’ SWANS: ,,Wie kamen Sie zu Ärzte ohne Grenzen?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Ich kenne die Organisation schon sehr lange, ihre Arbeit hat mich bereits als junges Mädchen beeindruckt und als Studentin war ich immer wieder bei Infoveranstaltungen von Ärzte ohne Grenzen. Während des Studiums habe ich mich intensiver mit der Thematik “Medizin und Menschrechte” beschäftigt und auch hier bin ich immer wieder mit Ärzte ohne Grenzen in Berührung gekommen. Für mich war immer klar, dass ich Deutschland nicht als meine einzige Arbeitsstätte als Ärztin sehe. Nachdem ich mich mit verschiedenen Organisationen auseinandergesetzt hatte, habe ich festgestellt, dass ich mich am meisten mit Ärzte ohne Grenzen identifizieren kann.’’ SWANS: ,,Können Sie mir vom Alltag als Ärztin während eines Einsatzes erzählen?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,An den Orten, an denen wir arbeiten, ist kein Gebiet wie das andere, kein Tag ist wie der andere und doch gibt es viele Parallelen, übrigens auch zu Kliniken in Deutschland. Morgens wird eine Besprechung durchgeführt und Visite gemacht. Es kommen Notfälle und müssen entsprechend behandelt werden. Ebenfalls müssen Abschlussgespräche und Gespräche mit Angehörigen geführt werden. Fallbesprechungen und natürlich finden Teambesprechungen statt. Je nach Ort und Funktion hat man verschiedene Dienste und Schichten. An anderen Orten ist man wiederum für sehr lange Zeit oder gar durchgehend in Bereitschaft. Gleichzeitig ist jeder Ort, jedes Land, jede Klinik anders. Etwa, was die zur Verfügung stehenden Mittel angeht, die Krankheitsbilder, denen man begegnet und die Herausforderungen, mit denen man sich beschäftigen muss. Mal sind es sprachliche Verständigungsprobleme, mal Sicherheitsfragen, mal lange Wege bis zur nächsten größeren Klinik – und manchmal alles auf einmal. Wir arbeiten an allen Orten als Team mit einer großen Zahl nationaler Kolleg:innen, zum Beispiel OP-Pfleger:innen, Hebammen und OP-Personal, und einer kleinen Zahl von internationalen Kolleg:innen. Alle arbeiten eng zusammen. Unsere Richtlinien sind an die der Weltgesundheitsorganisation WHO angelehnt. Die helfen meist sehr, um mit Krankheitsbildern zurechtzukommen, die man nicht kennt. Oder mit den vor Ort zur Verfügung stehenden Diagnostikmöglichkeiten. Die größte Unterstützung für mich waren vor allem meine lokalen Kolleg:innen, die den Kontext und auch die Krankheitsbilder meist sehr gut kannten.’’ SWANS: ,,Gibt es einen Moment aus Ihrer Laufbahn, den Sie nie vergessen werden?‘‘ Dr. med. Parnian Parvanta: ,,Viele! In Nordnigeria beispielsweise habe ich in einer großen Geburtsklinik gearbeitet. Dort waren wir mit Komplikationen konfrontiert, von denen ich dachte, dass es sie nur in Lehrbüchern gibt. Ich erinnere mich an eine 16 Jahre alte Patientin, bei der wir alles versucht haben und am Ende den jungen Ehemann dazugeholt haben, bevor wir alle Geräte abstellen mussten. Das Kind in ihrem Bauch war bereits vor ihrer Ankunft verstorben. Das sind zum Teil emotional sehr schwierige Momente, für das gesamte Team, vor allem aber natürlich für die Angehörigen. Und in Indien habe ich in einer Klinik gearbeitet, in der wir nicht die Möglichkeiten hatten, einen Kaiserschnitt vorzunehmen. Die nächste Möglichkeit für einen Kaiserschnitt war vier Autostunden entfernt, während der Monsunzeit brauchte man manchmal noch länger. Hier konnten wir leider nicht alle Kinder bei der Geburt retten. An diese Erfahrung denke ich oft, denn es ist schwer zu akzeptieren, wenn man Menschen nicht besser helfen kann. Aber dem gegenüber stehen die unzähligen Erfolgsgeschichten, die mir ebenso in Erinnerung geblieben sind. Darunter die eines jungen Mädchens in Indien, bei dem wir feststellen mussten, dass es eine multiresistente Tuberkulose hat. Wir haben sie dann entsprechend behandelt. Ihr Vater hatte unermüdlich für sie gekämpft.

Vorbilder

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich muss im Mittelpunkt meines Lebens stehen.“

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak ist Professorin für Interkulturelle Psychiatrie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie mit Schwerpunkt traumafokussierte Verfahren und EMDR. Sie leitet die Forschungsgruppe Interkulturelle Migrations- und Versorgungsforschung, Sozialpsychiatrie. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2006 von der Türkischen Gemeinde in Berlin, 2011 für ihre Suizidpräventionskampagne, 2014 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und 2022 von der World Association of Cultural Psychiatry (WACP). Sie ist Vorstandsmitglied der European Psychiatric Association (EPA), Vorsitzende deren Committee on Ethics, Vorstandsmitglied der WACP sowie stellvertretende Vorsitzende der Sektion Interkulturelle Psychiatrie der DGPPN und Präsidentin der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie (DTGPP). Seit 2022 gehört sie dem Vorstand des European Institute of Women’s Health (EIWH) an, dessen Vorsitz sie 2024 übernahm; seit 2025 ist sie President Elect der WACP.  Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Trauma und Traumafolgestörungen, psychische Gesundheit und Versorgung von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte, Diversität, Gender, Suizidalität sowie ethische Fragen. Das Gespräch führte Zekiye Tolu.     SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“   Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich bin in einem kleinen Dorf in der Türkei aufgewachsen. Meine Kindheit war frei und unbeschwert: Wir Kinder streiften durch Wälder, sammelten Pilze und Blumen, jagten manchmal fremde Ziegen und verbrachten Sommer mit der Großfamilie auf der Alm Yayla. Zuhause hatten wir einige Tiere – es war eine einfache, aber für mich glückliche Zeit.  Schwieriger wurde es, als meine Eltern nach Deutschland gingen. Meine Schwester und ich blieben zunächst bei den Großmüttern, bis entschieden wurde, dass auch wir nach Deutschland sollen. Die Reise ohne Eltern war aufregend und überfordernd zugleich. In Deutschland angekommen mussten wir schnell in die Schule – ich konnte gerade einmal „ja“ und „nein“ sagen.  Trotzdem hatte ich Glück: Mein Klassenlehrer Hr. Müller unterstützte mich sehr. Ein anderer Lehrer sorgte dafür, dass ich aufs Gymnasium durfte. Eine Deutschlehrerin gab mir nachmittags kostenlos Nachhilfe, weil sie an mich glaubte. So wurde die Schule zu einem Ort, an dem ich Selbstvertrauen gewann und gute Leistungen zeigte.   Zu Hause war es dagegen schwierig.   Ich wehrte mich wiederholt gegen die Heiratspläne meiner Familie und gegen den Druck, den ‚Ruf der Familie‘ zu wahren. Am Ende setzte ich mich durch: Ich blieb in Deutschland, machte mein Abitur und ging meinen eigenen Weg. Ohne die Unterstützung einzelner Lehrer:innen und eines türkischstämmigen Sozialarbeiters hätte ich das wohl nicht geschafft. Meine Jugend war turbulent, voller Konflikte – aber sie hat mich stark gemacht und mir gezeigt, wie wichtig Bildung und Selbstbestimmung sind.“   SWANS: „Ihre Eltern haben Ihren Berufswunsch anfangs nicht gefördert, d.h. der Wunsch entsprang aus Ihrer eigenen Motivation?“   Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich bin die Erste in meiner Familie, die Akademikerin wurde. Bei uns gab es damals niemanden, der studiert hatte – das kam ganz aus meiner eigenen Motivation. Inzwischen gibt es zum Glück einige in der Familie, interessanterweise überwiegend Frauen.“   SWANS: „Warum haben Sie die Berufsrichtung Medizin gewählt?“   Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich wollte ursprünglich internationales Recht oder Biochemie studieren, weil mich diese auch sehr interessiert haben. Durch Gespräche mit Freundinnen kam ich schließlich zur Medizin – ich wollte helfen und dachte: ‚Ich probiere es einfach.‘ Als ich angenommen wurde, waren meine Eltern doch sehr stolz.  Für das Studium entschied ich mich schließlich für Hannover. Meine Mutter wollte sogar ihren Job kündigen, um mitzukommen, ließ es aber, nachdem wir gemeinsam erkannten, dass das nicht nötig war.“   SWANS: „Sie haben einen sehr beeindruckenden Werdegang. Woher kam Ihr Ehrgeiz und was ist ihr Antrieb?“   Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ist das Ehrgeiz? Mein Ehrgeiz ist nicht aus dem Wunsch entstanden, besonders erfolgreich zu sein, sondern aus echter Freude an meiner Arbeit und dem Bedürfnis, Menschen zu unterstützen. Schon während des Studiums und später als Ärztin im Praktikum habe ich oft gedacht: „Das schaffst du nicht – du kennst hier niemanden, du bist fachlich noch nicht so weit.“ Doch jedes Mal, wenn ich eine dieser Hürden gemeistert hatte, hat mich das unglaublich motiviert. Dieses Gefühl, trotz Unsicherheit etwas zu schaffen, war ein wichtiger Treiber meines Ehrgeizes.  Dazu kam, dass ich häufig die Erste war – die Erste in meiner Familie, die studierte, die Erste, die in diesen beruflichen Räumen stand. Das hat mich geprägt. Je mehr Verantwortung ich übernahm, desto klarer merkte ich, dass ich damit etwas bewirken kann. Als ich dann in Berlin in die Forschung einstieg, ohne vorher echte Forschungserfahrung gehabt zu haben, war das zunächst enorm herausfordernd. Aber genau daraus entstand eine neue Form von Antrieb: Wenn ich mich dort hineingebe, kann ich Dinge verändern.   Besonders geprägt haben mich die Projekte, die wir entwickelt und umgesetzt haben. Viele davon waren gesellschaftlich relevant und emotional sehr intensiv. Das Berliner Bündnis gegen Depression war eines der ersten großen Vorhaben, bei dem ich merkte, wie wichtig vernetzte, kultursensible Aufklärung ist. Sehr eindrücklich war auch unser Suizidpräventionsprojekt für türkischstämmige junge Frauen mit der Kampagne „Beende dein Schweigen, nicht dein Leben!“ – eine Arbeit, die viel Mut, Vertrauen und Sensibilität erforderte, aber auch großes Echo fand.  Später folgten weitere Projekte, etwa die „Female Refugee Study“, in der wir geflüchtete Frauen repräsentativ untersuchten, oder die Studie zur psychischen Gesundheit von Sexarbeiterinnen. Diese Themen sind nicht leicht, aber sie zeigen, wie wichtig Sichtbarkeit und wissenschaftliche Daten für marginalisierte Gruppen sind. Das hat meinen fachlichen wie persönlichen Antrieb enorm verstärkt.   Mit der Zeit kamen daraus auch Habilitation, zahlreiche Publikationen und schließlich Leitungsrollen in deutschen, europäischen und internationalen Fachgesellschaften. Das war nie der ursprüngliche Plan – es hat sich ergeben, weil ich merkte, dass ich auf diesen Ebenen Strukturen mitgestalten kann und verändern kann.  Mein Ehrgeiz ist deshalb gewachsen aus Freude am Lernen, aus dem Erfolgserlebnis, Herausforderungen zu meistern, und vor allem aus dem Wunsch, die Lebenssituation vulnerabler Gruppen wirklich zu verbessern. Das ist bis heute mein stärkster Antrieb.“   SWANS: „Mit welchen Herausforderungen sind diese Frauen typischerweise konfrontiert? Und welche Unterstützung erfahren sie, wenn sie sich an entsprechende Netzwerke wenden?“   Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Netzwerke sind sehr wertvoll, weil man beeindruckende, taffe Frauen beispielsweise am Kaminabend der Tagesspiegel, kennenlernt – etwa Schriftstellerinnen, Künstlerinnen oder Aktivistinnen wie Reyhan Şahin. Seyran Ateş z. B. ist auch eine sehr beeindruckende Frau, die tolle Arbeit macht. Sie inspirieren, eröffnen

Nach oben scrollen