Akademikerin

Vorbilder

Fatima Hussain, LL.M: „Glaubt an eure Stimme – selbst wenn sie leise ist und noch nicht gehört wird.“

Fatima Hussain, LL.M. ist Rechtsanwältin und Legal Innovation Advisor. Sie ist Head of Legal bei LIQID und war zuvor als Senior Legal Counsel bei der Trade Republic Bank GmbH, bei der Tesla SE als auch bei der AUDI AG als Syndikusrechtsanwältin tätig. Davor war sie bei Linklaters, Clifford Chance und Freshfields Bruckhaus Deringer in den Bereichen Capital Markets, Litigation und Arbitration tätig. Daneben berät Fatima Rechtsabteilungen und Kanzleien zum Thema Innovation mit Schwerpunkt auf den Themen Female Empowerment und Diversität. Sie bietet zudem Workshops an und veröffentlicht zahlreiche Artikel und Podcasts zu diesen Themen, unter anderem im Handelsblatt. Für ihren Einsatz wurde sie vom Capital Magazin als „Deutschlands Top 40 unter 40“ und vom Business Insider als „25 Zukunftsmacherinnen“ ausgezeichnet. Dieses Interview führte Haya Saadun.  SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“ Fatima Hussain: „Als Kind hatte ich oft das Gefühl, zwischen zwei Kulturen zu leben. Erst als Erwachsene habe ich erkannt, dass ich mit zwei Kulturen aufgewachsen bin und das ein großes Geschenk war. Es hat mir ermöglicht, eine unglaubliche Vielfalt zu erleben: unterschiedliche Werte, Denkweisen, Sprachen und Lebensrealitäten. Diese Erfahrungen haben mich geprägt, mich gelehrt, offen zu sein und mein Verständnis von Toleranz und Empathie tief beeinflusst. Heute weiß ich, dass diese Mischung aus verschiedenen Welten mir eine Stärke verliehen hat, die mich in meinem Denken, Handeln und meiner Arbeit immer begleitet.“ SWANS: „Gab es Vorbilder, die Sie früh geprägt haben und einen positiven Einfluss auf Sie hatten?“ Fatima Hussain: „Im juristischen Bereich sind Frauen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, besonders in Führungspositionen. Diese Unsichtbarkeit hat weitreichende Folgen: Sie erschwert es jüngeren Generationen, konkrete Vorbilder zu finden, an denen sie sich orientieren können. Ich hatte kein Vorbild und genau das hat mich motiviert, selbst aktiv sichtbar zu werden. Ich wollte zeigen, dass es möglich ist, eigene Wege zu gehen, Verantwortung zu übernehmen und Türen zu öffnen, die bisher oft verschlossen blieben. Sichtbarkeit ist für mich nicht nur Repräsentation, sondern auch eine Form von Verantwortung: anderen zu helfen, Mut zu machen und Räume zu schaffen, in denen junge Frauen ihre eigenen Stärken entfalten können.“ SWANS: „Wie wichtig sind Vorbilder für Frauen mit Einwanderungsgeschichte?“ Fatima Hussain: „Vorbilder sind für alle jungen Menschen wichtig, aber für Frauen mit Einwanderungsgeschichte sind sie oft entscheidend. Sie zeigen, was möglich ist, wenn die Gesellschaft Vielfalt nicht nur zulässt, sondern aktiv unterstützt. Gerade vor dem Hintergrund von struktureller Diskriminierung, die dazu führt, dass ihnen häufig Grenzen statt Chancen aufgezeigt werden, geben Vorbilder Mut, Selbstbewusstsein und Orientierung. Wenn junge Frauen jemanden sehen, dessen Geschichte ihrer Geschichte ähnelt, dann spüren sie: ‘Ich darf auch groß träumen’.“ SWANS: „Wie kamen Sie zu FinTech? Was war Ihr Antrieb?“ Fatima Hussain: „Ich bin zu FinTech gekommen, weil ich überzeugt bin, dass Innovation im Finanzbereich nicht nur technologischen Fortschritt bedeutet, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung mit sich bringt. Besonders Frauen und insbesondere Frauen mit Migrationsgeschichte sind in Finanzfragen oft strukturell benachteiligt: Sie investieren seltener, bauen weniger Vermögen auf und stoßen häufiger auf Hürden, wenn es um finanzielles Wissen oder Zugang zu Kapital geht. Mich hat genau das motiviert: Ich wollte aktiv mitgestalten, wie Finanzen inklusiver, transparenter und zugänglicher werden können. FinTech bietet enormes Potenzial, diese Barrieren abzubauen. Durch neue Technologien, aber vor allem durch neue Perspektiven. Ich will Innovation nicht nur beobachten, sondern mitgestalten und gleichzeitig dafür sorgen, dass sie nicht an denjenigen vorbeigeht, die bisher oft ausgeschlossen waren. Frauen müssen endlich als zentrale Zielgruppe im Finanzbereich gedacht werden, nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlicher Teil der Zukunft. Dafür setze ich mich ein.“ SWANS: „Welches Projekt oder Mandat ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?“ Fatima Hussain: „Es fällt mir tatsächlich schwer, ein einzelnes Projekt oder Mandat herauszuheben, denn jede Station meiner beruflichen Laufbahn hat mich auf ihre eigene Weise geprägt und mir wertvolle Erfahrungen mitgegeben. Vom komplexen Dieselverfahren bei Audi über den Bau der Giga Factory für Tesla bis hin zum Launch der Karte bei Trade Republic oder meiner Arbeit an Innovationen im WealthTech bei LIQID: Jedes Projekt hatte seinen eigenen Charakter, seine eigenen Herausforderungen und Lernmomente. Auch meine Zeit in Großkanzleien wie Freshfields oder Clifford Chance war prägend. Dort habe ich nicht nur juristisch viel gelernt, sondern auch gesehen, wie internationale Zusammenarbeit auf höchstem Niveau funktioniert. Was mir aber immer besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die Menschen, mit denen ich arbeiten durfte. Kolleg:innen, die ihre Expertise, ihre Perspektiven und oft auch ihre persönlichen Geschichten mit mir geteilt haben. Sie haben mir neue Denkweisen eröffnet, mein Verständnis für andere Lebenswelten geschärft und meinen Horizont nachhaltig erweitert.“ SWANS: „Was brauche ich, um eine gute Juristin zu sein?“ Fatima Hussain: „Um eine gute Juristin zu sein, braucht es mehr als nur juristisches Wissen. Es geht darum, ein tiefes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Recht funktioniert und welchen Zweck Gesetze und Regulierungen überhaupt verfolgen. Recht ist kein starres System, sondern ein lebendiges Instrument, das unsere Gesellschaft gestalten, schützen und ausbalancieren soll. Deshalb ist es besonders wichtig, die Besonderheiten des Einzelfalls zu erkennen. Jeder Sachverhalt ist genauso individuell, vielfältig und manchmal auch widersprüchlich wie das Leben selbst. Eine gute Juristin bringt die Fähigkeit mit, diese Komplexität zu erfassen, einzuordnen und rechtlich angemessen zu würdigen. Außerdem muss man nicht alles alleine wissen oder können. Ein starkes Netzwerk ist enorm wichtig. Um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam daran zu arbeiten, dass sich das Recht weiterentwickelt. Denn Jurist:innen gestalten mit und das gelingt am besten im Dialog, nicht im Alleingang.“ SWANS:  In welchem Verhältnis stehen KI und Female Empowerment aus Ihrer Sicht?“ Fatima Hussain: „Künstliche Intelligenz und Female Empowerment stehen in einem spannenden, ambivalenten Verhältnis. Auf der einen Seite bietet KI enormes Potenzial, strukturelle Ungleichheiten sichtbar zu machen und neue Zugänge zu schaffen. Zum Beispiel kann durch Datenanalysen Diskriminierung aufgedeckt werden oder durch Tools, die Bildung, Finanzierung und Karriereentwicklung für mehr Menschen zugänglich machen. Richtig eingesetzt, kann KI also ein echter Hebel für mehr Chancengleichheit sein. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen: KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird und die spiegeln häufig die bestehenden gesellschaftlichen

Vorbilder

Prof. Dr. med. Marylyn M. Addo: „Life begins at the end of your comfort zone.“

Prof. Dr. Marylyn M. Addo ist seit 2017 W3-Professorin für Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo sie die Abteilung für Infektionskrankheiten leitet und Gründungsdirektorin des Instituts für Infektionsforschung und Impfstoffentwicklung ist. Ihr Forschungsgebiet sind insbesondere Virusimmunologie und Impfstoffstrategien gegen neu auftretende Viruserkrankungen. Dazu gehören klinische Studien mit neuartigen Impfstoffkandidaten gegen Viren wie MERS (Middle East Respiratory Syndrome) und Ebola. Seit 2013 ist sie am UKE tätig. Ihre medizinische Ausbildung als Internistin und Infektiologin verlief von Bonn über Frankreich, die Schweiz und London bis nach Boston (Harvard Medical School). Prof. Dr. med. Marylyn M. Addo ist 1970 in Bonn geboren und hat zwei Kinder. Dieses Interview führte Zekiye Tolu SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“ Prof. Dr. med. Marylyn M. Addo: „Ich bin als Tochter eines ghanaischen Vaters und einer deutschen Mutter zusammen mit meinem Bruder in einer Kleinstadt im Rheinland aufgewachsen. Ich würde meine Kindheit und Jugend als behütet und glücklich bezeichnen. Zunächst war ich zwei Jahre in einem englischen Kindergarten und einer Preschool, danach wechselte ich ins deutsche Schulsystem und machte dort mein Abitur. Schon früh begann ich mit Ballett, interessierte mich für Kunstturnen und Voltigieren und spielte Querflöte. Ich engagierte mich in der katholischen Jugendarbeit und sang in einem Jugendchor. Die Ferien verbrachte ich oft sehr naturverbunden auf dem Bauernhof meines Großvaters in der Eifel: Kühe auf die Weide bringen, melken, Traktor fahren, bei der Ernte helfen – viel Aktion mit elf Cousinen und Cousins. Später betreute ich Jugendfreizeiten und Zeltlager.“ SWANS: „Gab es Vorbilder, die Sie früh geprägt haben und einen positiven Einfluss auf Sie hatten?“ Prof. Dr. med. Marylyn M. Addo: „In meiner Kindheit wurde ich vor allem von meinen Eltern als Vorbilder geprägt. Mein Vater war ein kluger Mann – eher zurückhaltend, aber sehr warmherzig. In seiner Tätigkeit als Arzt hat er viele Menschen auch jenseits des Medizinischen berührt – das hat mich stets beeindruckt und auch ein wenig stolz gemacht. Sein Weg aus einer kleinen Stadt in Ghana, ohne akademischen Hintergrund und mit begrenzten finanziellen Ressourcen, über gute schulische Leistungen und Stipendien bis hin zum Medizinstudium in Deutschland, hat mich immer inspiriert. Aus diesem Lebensweg heraus entstand auch sein oft zitierter Satz: „Was du weißt, kann dir keiner nehmen.“ In diesem Zusammenhang verwies er oft auf Nelson Mandela, dessen Persönlichkeit in unserer Familie sehr präsent war – insbesondere als Vorbild für Resilienz und Integrität. Meine Mutter stammte aus einem kleinen Dorf in der Eifel, ging mit 15 Jahren für eine Ausbildung nach Bonn und wurde früh selbstständig. Für beide Elternteile war ihre „mixed-race“-Beziehung in ihren Herkunftsfamilien eigentlich ein No-Go. Sie haben diese Verbindung trotz anfänglichem Widerstand und rassistischen Anfeindungen mit großem Mut, viel Liebe und beeindruckender Stärke gelebt. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar für ihre Unterstützung und dafür, dass sie meine Neugier und Entdeckungslust stets gefördert haben – auch wenn die finanziellen Möglichkeiten oft begrenzt waren. In manchen Familien mit Migrationshintergrund in meinem Umfeld wurde viel Druck auf die Kinder ausgeübt, etwa nach dem Motto: „Ihr müsst immer besser sein als die anderen.“ Das war bei uns nie ein Thema. Bildung, Lernen und Lesen wurden wertgeschätzt und gefördert – aber um der Sache willen, nicht aus Leistungsdruck. In meiner späteren beruflichen Laufbahn wurde ich von wunderbaren Mentorinnen und Mentoren begleitet – unter anderem von Prof. Bruce Walker und Prof. Jürgen Rockstroh. Auch Michelle Obamas Zitat: „When they go low, we go high“ begleitet mich bis heute in vielen Situationen.“ SWANS: „Was hat Sie dazu bewegt zu studieren und warum haben Sie sich für die medizinische Richtung entschieden?“ Prof. Dr. med. Marylyn M. Addo: „Ich war schon immer wissbegierig, habe mit Begeisterung gelesen und gerne Neues gelernt. Der medizinische Beruf faszinierte mich früh, weil er so facettenreich ist: Von der Patientenbetreuung in Klinik oder Praxis über Wirtschaft und Industrie bis hin zu Beratung, Lehre und Forschung eröffnen sich viele spannende Wege. Nach dem Abitur habe ich ganz bewusst und sehr intensiv auch andere Studiengänge in Betracht gezogen – kurz standen Chemie, Lebensmittelchemie, Philosophie und Theologie im Raum –, weil es mir fast zu ‘klischeehaft’ erschien, als Tochter eines Arztes ebenfalls Medizin zu studieren. Letztlich entschied ich mich dann doch für die Medizin – und habe es nie bereut. Dass ich heute in der Forschung und als Professorin tätig bin, hatte ich zu Beginn meines Studiums weder geplant noch auch nur in Erwägung gezogen. Ursprünglich wollte ich Kinderärztin werden – auch motiviert durch meine langjährige Jugendarbeit in Sport und Gemeinde (als Trainerin, bei Zeltlagern, Ferienfreizeiten und als Camp Counselor in den USA). Später interessierte ich mich für Gynäkologie und Geburtshilfe – bis mich schließlich die Begeisterung und Leidenschaft für die Infektiologie gepackt hat und nicht mehr losließ. Die (eigentlich sehr lustige) Geschichte dazu sprengt hier den Rahmen, aber ich erzähle sie gern, um zu zeigen: Viele Menschen in Leitungspositionen haben keine geradlinigen Lebensläufe. Oft sind sie bunt, vielfältig – und manchmal auch überraschend. Deshalb ermutige ich meine Mentees und Mitarbeiter:innen ausdrücklich dazu, ihren eigenen Weg zu finden. Dieser darf auch mal eine Schleife drehen oder vorübergehend in einer Sackgasse enden. Dann braucht es manchmal Mut zur Umorientierung und die Bereitschaft, sich neu auszurichten.“ SWANS: „Wie fühlten Sie sich in den USA im Vergleich zu Deutschland? Haben Sie in eines der Länder Rassismus erfahren? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?“ Prof. Dr. med. Marylyn M. Addo: „In den USA habe ich im sehr liberalen und internationalen Boston im Bundesstaat Massachusetts gelebt. Ich habe mich dort mit meiner Familie in einem vielfältigen und internationalen Umfeld sehr wohlgefühlt und tatsächlich kaum oder nur wenig Rassismus erlebt. Fast im Gegenteil – in den Institutionen, in denen ich gearbeitet habe, gab es zahlreiche Förderprogramme, Stipendien und Netzwerke für Diversity, Equity und ‚underrepresented minorities‘, von denen auch ich profitieren durfte. Das ist sicherlich nicht überall in den USA der Fall. In Deutschland jedoch habe ich – wie wahrscheinlich fast jede*r BIPOC – im Laufe meines Lebens immer wieder Rassismus und Diskriminierung erfahren: manchmal subtil, manchmal aggressiv, manchmal aus Ignoranz oder Unbedachtheit. Von verbalen Anfeindungen

Vorbilder

Awet Tesfaiesus: „Vernetzung ist der wahre entscheidende Schlüssel.“

Frau Awet Tesfaiesus zog 2021 als erste Schwarze Frau in den Deutschen Bundestag ein. Dort ist sie Mitglied im Rechtsausschuss und Obfrau im Ausschuss für Kultur und Medien. Zuvor war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Antidiskriminierungspolitik sowie kommunalpolitisch in Kassel aktiv – als Stadtverordnete, Sprecherin für Integration und Vorsitzende eines Gleichstellungsausschusses. Ihr politisches Engagement begann 2009 mit dem Beitritt zu Bündnis 90/Die Grünen. Bereits 2007 hatte sie eine Kanzlei für Asyl- und Sozialrecht gegründet, nachdem sie 2006 als Rechtsanwältin zugelassen worden war. Geboren in Asmara, Eritrea, kam sie als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland und studierte später Rechtswissenschaften in Heidelberg. Dieses Interview führte Zekiye Tolu.  SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“ Awet Tesfaiesus: „Ich kam mit etwa elf Jahren nach Deutschland – in einem Alter, in dem ich die Sprache und kulturellen Unterschiede sehr bewusst wahrgenommen habe, aber gleichzeitig jung genug war, um in die neue Welt hineinzuwachsen. Das empfand ich als großes Geschenk: Ich durfte in zwei Welten leben, beide Kulturen verstehen und zwischen ihnen vermitteln. Als Kind wurde ich schnell zur Brücke zwischen meiner Herkunft und der neuen Umgebung – zu Hause, in der Schule, im Alltag. Ich lernte, wie unterschiedlich Gesellschaften funktionieren, wie relativ viele Normen und Werte sind – und dass Bescheidenheit und Gemeinschaftssinn genauso berechtigt sein können wie Selbstverwirklichung und Individualismus. Doch meine Kindheit war auch geprägt von der Frage: ‚Gehöre ich hierher?‘ – gerade in den 1990ern in meiner Oberstufenzeit, als rassistische Anschläge wie in Mölln, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen mein Sicherheitsgefühl erschütterten. Ich erlebte diese Zeit als zutiefst prägend und existenziell: Will ich in einem Land bleiben, das mich möglicherweise nicht will? Selbst während meines Übergangs ins Studium war Angst ein ständiger Begleiter – etwa, wenn ein Studienplatz in Ostdeutschland angeboten wurde, und Familie und Freunde warnten, dorthin zu gehen. Trotz aller Herausforderungen blicke ich auf meine Kindheit mit Dankbarkeit – sie hat mir Resilienz geschenkt, Perspektivwechsel ermöglicht und mein Verständnis für kulturelle Vielfalt grundlegend geprägt.“ SWANS: „Sie sind dann in Deutschland geblieben und haben studiert. Was hat Ihnen geholfen diese schwierige Zeit zu überwinden und wie sind Sie damit umgegangen?“ Awet Tesfaiesus: „Letztlich bin ich aus ganz pragmatischen Gründen in Deutschland geblieben – mein Wunsch zu studieren, die Sprache, die ich inzwischen am besten beherrschte, und die finanziellen Hürden eines Studiums im Ausland ohne deutsche Staatsangehörigkeit haben mich dazu bewogen. Entscheidend war aber auch die Wahl meines Studienorts: Heidelberg. Ich habe die Stadt bewusst gewählt, weil sie durch die Präsenz der US-Armee stark international geprägt war – mit einer offenen, positiven Haltung gegenüber Menschen mit internationaler Biografie. Dort habe ich einen vielfältigen Freundeskreis gefunden, in dem Nationalität keine Rolle spielte. Das hat mir ermöglicht, mich von ständigen Zuschreibungen wie ‚Bist du Deutsch oder eritreisch?‘ zu lösen. Zum ersten Mal konnte ich einfach ich selbst sein – in einem Umfeld, in dem „Anderssein“ die Norm war. Diese Erfahrung hat mir sehr geholfen, innerlich zur Ruhe zu kommen und mich zu finden.“ SWANS: „Gab es Vorbilder, die Sie früh geprägt haben und einen positiven Einfluss auf Sie hatten?“ Awet Tesfaiesus: „Mein Großvater war für mich ein tief prägendes Vorbild. Er war Richter in Eritrea – in einem System, in dem Justiz nicht unabhängig war, sondern unter politischem Druck stand. Und trotzdem hat er Haltung gezeigt, hat sich geweigert, seine Urteile politisch beeinflussen zu lassen. Dafür hat er einen hohen Preis gezahlt. Was mich aber besonders beeindruckt hat, war, dass er trotz der Möglichkeit, seine Stellung zum eigenen Vorteil zu nutzen, standhaft geblieben ist. Dieses Bild von Integrität, Mut und Verantwortung hat sich in mir eingebrannt und mich bis heute geprägt. Vielleicht hat mich auch deshalb der Weg zum Jurastudium so angesprochen. Für mich war das nicht nur ein Studium – es war der Versuch, ein Land und seine Gesellschaft wirklich zu verstehen. Als Kind aus einer geflüchteten Familie hatte ich oft das Gefühl, außen vor zu sein – die Schule war das eine, aber wie Menschen hier denken, was sie antreibt, das wollte ich wirklich begreifen. Und ich hatte das Gefühl: In den Gesetzen, in den Normen liegt der Schlüssel dazu. Zugleich war da immer dieser Wunsch, etwas zurückzugeben. Ich bin nicht dort, wo ich heute bin, weil ich alles allein geschafft habe. Ich hatte Glück – mit Eltern, die für mich gekämpft haben, mit Menschen, die an mich geglaubt und mir Chancen gegeben haben. Ich war das elfjährige Kind, das getragen wurde. Und daraus ist ein tiefer Wunsch entstanden: gesellschaftlich etwas zu bewirken, Verantwortung zu übernehmen, vielleicht auch für andere Brücke zu sein – so wie andere es einst für mich waren.“ SWANS: „Warum haben Sie sich für die Politik entschieden? Was ist ihr Antrieb?“ Awet Tesfaiesus: „Ich habe meine Arbeit als Anwältin immer als politisch empfunden – Recht war für mich nie nur Theorie, sondern ein Instrument für Gerechtigkeit. Lange war ich aber kein Mitglied einer Partei. Das änderte sich Mitte der 2000er-Jahre, als sich die Fluchtrouten nach Europa veränderten. Plötzlich kamen Menschen über das Mittelmeer – diese dramatischen Bilder von Urlauber:innen an europäischen Stränden, während Boote mit Geflüchteten anlandeten, haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Und mit den Bildern kamen die Nachrichten: von Menschen, die ertranken, von denen man wusste – und denen trotzdem nicht geholfen wurde. Das war für mich ein Wendepunkt. Ich spürte, dass ich als Anwältin an Grenzen stieß. Was wir brauchten, war keine Einzelfallhilfe mehr – wir brauchten politische Veränderung. Also begann ich, mich aktivistisch zu engagieren, gemeinsam mit anderen aufzuklären und Missstände sichtbar zu machen. Doch irgendwann reichte mir das nicht mehr. Ich wollte dort mitwirken, wo Entscheidungen getroffen werden. Ich wollte mitgestalten statt nur reagieren. Und das war der Moment, in dem ich mich entschieden habe, in eine Partei einzutreten – weil Veränderung Gesetze braucht, und Gesetze brauchen Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“ SWANS: „Warum sollte ich mich als junge Frau mit Einwanderungsgeschichte politisch engagieren und welche ersten Schritte sind dafür erforderlich?“ Awet Tesfaiesus: „Jeder Mensch, der in diesem Land lebt, hat Themen, die ihn

Vorbilder

Dilan Küçük: „Deutschland ist leider nicht auf Gründerfreundlichkeit oder Diversität ausgelegt.“

Dilan Küçük ist Gründerin und Creative Director der Beauty-Brand NAILD – der ersten Marke, die wiederverwendbare Press-on Nails in dieser Form nach Deutschland gebracht hat. Als dreifache Mutter und Unternehmerin steht Dilan für eine neue Generation von Gründerinnen: sichtbar, lösungsorientiert und nah an der Lebensrealität ihrer Community. Sie setzt sich aktiv für mehr Sichtbarkeit und Chancengleichheit von Menschen mit Migrationsgeschichte in der deutschen Gründerszene ein. Aufgewachsen in Berlin in einer Familie mit Einwanderungsgeschichte und einfachen Verhältnissen, hat sie früh gelernt, sich selbstständig durchzusetzen. Nach ihrer Ausbildung beim Bundesrat und einem berufsbegleitenden Studium in International Management gründete sie 2017 – zunächst nebenberuflich – ihr Unternehmen, das heute über 100.000 Kund:innen europaweit erreicht. Das Gespräch führte Zekiye Tolu. SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“ Dilan Küçük: „Ich bin in Berlin aufgewachsen – in einfachen Verhältnissen. Meine Mutter war Pflegekraft, mein Vater Busfahrer. Wir lebten zu fünft in einer kleinen Wohnung, was bedeutete, dass ich früh Verantwortung übernehmen musste. Materiell war nicht viel da, aber was ich mitbekommen habe, war Stärke, Pragmatismus und der Drang, sich Dinge selbst beizubringen. Ich gehöre zu einer Generation, in der DIY nicht Trend war, sondern Notwendigkeit. Schon mit 16 Jahren arbeitete ich immer neben der Schule. Und auch davor habe ich in den Ferien in Apotheken Regale eingeräumt oder in der Bäckerei Brötchen aufgebacken. Ich habe früh gelernt, dass man etwas tun muss, wenn man etwas erreichen will.“ SWANS: „Wie sind Sie zu Ihrem Studium gekommen? Hatten Sie relativ schnell eine klare Richtung oder hat sich das entwickelt?“ Dilan Küçük: „Ich hatte nie den Luxus, in Ruhe nach meinem ‘Traumberuf’ zu suchen. Nach dem Abitur erhielt ich einen Ausbildungsplatz im Bundesrat – eine Stelle, die über die Arbeitsagentur gezielt für Bewerber:innen mit Migrationshintergrund ausgeschrieben war, um die Quote zu erfüllen. Mehrere Bewerbungen gingen bis dato ins Leere, trotz Abitur und Überqualifizierung. Ein Studium kam erstmal nicht in Frage, da ich ja Geld verdienen musste. Die Ausbildung war meine einzige Option. Ich habe mich über Leistung bewiesen, die Ausbildung verkürzt und mit der Note 1,0 abgeschlossen. Anschließend erhielt ich eine Begabtenförderung des Bundesverwaltungsamts, mit der ich ein berufsbegleitendes Abendstudium in International Management finanzieren konnte – parallel zu meiner Vollzeitstelle. Damals war ich die erste Chefsekretärin mit türkischem Nachnamen im Büro eines Bundesministeriums. Mein Weg war geprägt von Pflichtgefühl, Disziplin und Ehrgeiz – weniger von Planbarkeit. Doch genau diese Erfahrungen haben mich gelehrt, Verantwortung zu übernehmen, strukturiert zu arbeiten und immer Lösungen zu finden. All das hat mich optimal auf die Selbstständigkeit vorbereitet.“ SWANS: „Gab es Vorbilder, die Sie früh geprägt haben und einen positiven Einfluss auf Sie hatten?“ Dilan Küçük: „Ich hatte keine klassischen unternehmerischen Vorbilder, aber ich bin von Menschen geprägt worden, die mir früh gezeigt haben, was Durchhaltevermögen und innere Stärke bedeuten. Mein Vater ist Akademiker, kam aus der Türkei und arbeitete hier als Busfahrer, um seine Familie zu ernähren. Meine Mutter ist nie zur Schule gegangen, hat sich aber selbst weitergebildet, spricht fließend Deutsch und hat mir beigebracht, Potenzial dort zu sehen, wo andere es nicht erkennen. Und meine Tante hat unter sehr schwierigen Bedingungen promoviert und einen Bundesverband für geflüchtete Frauen gegründet – heute bekannt als DaMigra. Diese Menschen haben mir vorgelebt: Es braucht keine perfekten Voraussetzungen, sondern Mut, Haltung und den festen Willen, seinen Weg zu gehen.“ SWANS: „Was hat Sie dazu bewegt, ein Unternehmen mit Press-On-Nägeln zu gründen?“ Dilan Küçük: „Es war eine ganz persönliche Notlösung. Als Mutter hatte ich keine Zeit mehr fürs Nagelstudio – aber den Wunsch nach gepflegten Nägeln. Gleichzeitig kannte ich aus meiner Jugend die DIY-Nagelkultur sehr gut. Ich habe gemerkt: Es gibt nichts, das beides kombiniert – Qualität, Zeitersparnis, Wiederverwendbarkeit. Und so wurde aus meinem Problem eine Produktidee.“ SWANS: „Nehmen wir an, ich habe eine grandiose Produktidee mit einem klaren Alleinstellungsmerkmal. Womit starte ich und was brauche ich, um erfolgreich zu sein?“ Dilan Küçük: „Mit der Zielgruppe und das Problemverständnis. Bevor du entwickelst, frag dich: Wen willst du erreichen? Welches Problem löst dein Produkt konkret? Und dann: Prototyp bauen, Feedback einsammeln und iterieren. Und ganz wichtig – fang ganz früh mit Community-Aufbau an.“ SWANS: „Um ein Produkt zu launchen braucht es finanzielle Mittel. Welche Möglichkeiten empfehlen Sie, wenn das Budget noch nicht ausreicht?“ Dilan Küçük: „Bootstrapping bedeutet, ein Unternehmen mit eigenen Mitteln und ohne große Investor:innen aufzubauen – genau diesen Weg bin ich selbst gegangen. Man startet klein, spart, investiert klug und finanziert alles Schritt für Schritt aus den eigenen Einnahmen. Aber ich empfehle auch: Schau dir Förderprogramme an, sprich mit Familie und Freund:innen über Unterstützung, teste Vorverkäufe, um erste Einnahmen zu generieren – und ganz wichtig: Kalkuliere realistisch. Wenn du klein anfängst, kannst du später gesund und solide wachsen.“ SWANS: „Was war bisher die größte Herausforderung im Unternehmertum und wie haben Sie diese gelöst?“ Dilan Küçük: „Die Finanzierungsfrage. Ich wurde von drei Banken abgelehnt, ohne mich überhaupt richtig vorstellen zu können. Erst die vierte Bank hat mir zugehört – das war ein Schlüsselmoment. Es war nie leicht, aber ich habe gelernt, dass Hartnäckigkeit und Klarheit im Geschäftsmodell überzeugen können.“ SWANS: „Hatten Sie als Frau mit Einwanderungsgeschichte bisher mehr Hürden auf Ihrem Karriereweg? Wie sind Sie damit umgegangen?“ Dilan Küçük: „Ja. Nicht nur im Geschäftsleben – auch davor. Ich musste mich oft doppelt beweisen, wurde unterschätzt, nie von allein eingeladen. Ich habe gelernt, dass du dich selbst sichtbar machen musst – und dass Leistung allein leider nicht immer reicht. Aber genau deshalb erzähle ich meine Geschichte heute öffentlich.“ SWANS: „Wir leben in einem bürokratischen Land. Gab es auch Momente, in denen Sie an der Bürokratie verzweifelt sind? Was würde eine Gründung erleichtern?“ Dilan Küçük: „Ja, unzählige Momente. Bürokratie ist in Deutschland leider nicht auf Gründerfreundlichkeit ausgelegt – und schon gar nicht auf Diversität. Ich wünsche mir mehr digitale, niedrigschwellige Angebote und echte Beratung für Menschen, die keinen akademischen Hintergrund mitbringen. Ich komme aus der Verwaltung und weiß genau wie ich mich wohin wenden muss, wenn ich ein Problem habe und auch, wie ich Bescheide und Anträge verstehen muss – ich sehe

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