Natalya Nepomnyashcha: „Nach jedem Sonnenuntergang kommt ein Sonnenaufgang“

Natalya Nepomnyashcha ist Gründerin des Sozialunternehmens Netzwerk Chancen, das Menschen aus finanzschwachen oder nichtakademischen Verhältnissen fördert. 1989 in Kyiv geboren, ist sie in einem sozialen Brennpunkt in Bayern aufgewachsen und machte ohne Abitur ihren Master in Internationalen Beziehungen in Großbritannien. Hauptberuflich war sie u.a. für eine der weltweit größten Unternehmensberatungen sowie eine NGO aus Westafrika tätig. 2024 wurde Nepomnyashcha mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Das Gespräch führte Zekiye Tolu. 

 

SWANS: „Wie bist du aufgewachsen, und was aus deiner Kindheit hat dich besonders geprägt?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Ich bin mit 11 Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Eltern hatten schon in der Ukraine ihre Jobs verloren und leben von Hartz IV, seitdem wir hier sind. Die Armut hat mich sehr geprägt.“ 

SWANS: „Gab es Vorbilder, die dich für deinen Karriereweg positiv beeinflusst haben?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Gewissermaßen die fiktive Figur Martin Eden von Jack London. Er kam von ganz unten und hat unfassbar hart gekämpft, um voranzukommen.“ 

SWANS: „Wann hast du begonnen, soziale Ungleichheit nicht nur zu erleben, sondern auch aktiv zu hinterfragen?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Ich durfte nicht aufs Gymnasium und musste stattdessen auf die Realschule. Lange Zeit dachte ich, dass es daran liegt, dass ich nicht schlau und talentiert genug bin. Bis ich mehr Gymnasiastinnen kennengelernt und verstanden habe, dass es sehr viel mit Herkunft zu tun hat, welche Schule man in Deutschland besuchen darf.“ 

SWANS: „Welche berufliche Entscheidung hat rückblickend einen großen Unterschied gemacht? 

Natalya Nepomnyashcha: „Dass ich mich getraut habe, mich bei einer Unternehmensberatung zu bewerben. Ich habe länger dafür gebraucht, diesen Schritt zu gehen, da ich lange dachte, ich wäre nicht gut genug dafür.“ 

SWANS: „Welches Missverständnis über Chancengleichheit würdest du gerne ausräumen?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Dass es vor allem auf Bildung ankommt und die Chancen gleich gut sind, wenn man ein Studium abgeschlossen hat. Für viele Aufsteigerinnen fangen die großen Probleme da auch erst an, wenn sie zum Beispiel trotz Studienabschluss keinen Job finden oder später nie befördert werden.“ 

SWANS: „Welche Entwicklungen in der Chancengleichheit stimmen dich aktuell hoffnungsvoll und wo siehst du noch Handlungsbedarf?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Dass die soziale Herkunft nun offiziell Diversity-Dimension ist, finde ich super. Dadurch beschäftigen sich viele Unternehmen damit.“ 

SWANS: „Wie bereitest du dich auf Speaking-Auftritte vor? Was macht eine gelungene Rede oder Präsentation aus?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Ich erde mich und gehe die Punkte mehrmals durch. Manchmal übe ich auch vorher.“ 

SWANS: „Was rätst du Frauen, die selbst ein soziales Netzwerk oder eine Initiative gründen möchten?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Erstmal den Need eruieren: “Wird das Angebot wirklich gebraucht von der Zielgruppe?”, dann eine kleine Homepage basteln und Multiplikatorinnen suchen, die auf die Initiative aufmerksam machen können.“ 

SWANS: „Was magst du Frauen mitgeben, die sich einen bestimmten Traumjob wünschen, aber Angst haben, ‘nicht genug’ zu sein?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Sich der eigenen Stärken und Talente bewusst zu werden.“ 

SWANS: „Wo siehst du dich selbst in zehn Jahren – und was möchtest du bis dahin bewirkt haben?“ 

Natalya Nepomnyashcha: „Ich hoffe, dass Netzwerk Chancen bis dahin zu einer viel größeren Bewegung für soziale Aufsteigerinnen wird und viel mehr Aufsteigerinnen an den Spitzen von Wirtschaft und Gesellschaft sehen.“ 

SWANS: „Welchen Ratschlag magst du unseren ‚Schwänen’ abschließend mitgeben?” 

Natalya Nepomnyashcha: „Glaubt an euch. Und denkt immer dran: Nach jedem Sonnenuntergang kommt ein Sonnenaufgang!“ 

SWANS: „Vielen Dank für das Gespräch!“ 

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