Efpraxia Dermitzaki ist eine deutsch-griechische Diversity, Equity & Inclusiveness Expertin und Advokatin für Chancengerechtigkeit. Sie studierte Politikwissenschaft und Englische Philologie (M.A.) und wurde durch die Deutschlandstiftung Integration und den Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds gefördert, wo sie zudem den Cornelius-Klauth-Stiftungspreis für besonderes gesellschaftliches Engagement erhielt. Sie arbeitet als Senior Manager bei der START-Stiftung gGmbH und verantwortet dort Bildungsformate zur Förderung von Chancengerechtigkeit, Antidiskriminierung und Empowerment junger Menschen mit Migrationsbezug. Als Mitgründerin engagierte sie sich von 2021 bis 2025 aktiv als Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins „BRIDGES“ für diversitätssensible und diskriminierungskritische Bildungsarbeit im Schulkontext. Seit 2023 ist sie zudem Mitglied der Jury im Auswahlverfahren des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds. Ihr Engagement gilt der Stärkung von Jugendlichen aus benachteiligten und marginalisierten Gruppen. Für ihren Einsatz für Chancengerechtigkeit wurde sie 2025 von Netzwerk Chancen als „Inspiration of the Year“ ausgezeichnet. Dieses Gespräch führte Zekiye Tolu.
SWANS: „Wie würdest du deine Kindheit beschreiben? Wie bist du aufgewachsen?“
Efpraxia Dermitzaki: „Ich bin in Griechenland geboren und habe dort meine frühe Kindheit verbracht. Die ersten beiden Klassen der Grundschule besuchte ich ebenfalls in meinem Herkunftsland, bevor meine Eltern mit meiner jüngeren Schwester und mir nach Deutschland emigrierten.
Mein Aufwachsen in Deutschland war stark von den Herausforderungen einer migrantischen Arbeiterfamilie geprägt. Meine Eltern verfügten nur über sehr eingeschränkte Deutschkenntnisse, wenig finanzielle Ressourcen und keine unterstützenden Netzwerke. Auf Wunsch meines Vaters wurde ich schulisch zurückgestuft, da meine Eltern mich sprachlich nicht unterstützen konnten. Schon früh übernahm ich Verantwortung in meiner Familie, begleitete meine Eltern zu Behördengängen und fungierte als Sprachmittlerin.
Trotz dieser schwierigen Ausgangslage entwickelte ich mich schulisch sehr gut. Durch den hohen Bildungsanspruch meiner Eltern, ihren enormen Leistungsdruck und meine eigene Motivation lernte ich schnell und akzentfrei Deutsch, erzielte überdurchschnittliche Noten und besuchte daraufhin direkt das Gymnasium. Ich machte ein sehr gutes Abitur und wurde während meiner Schulzeit mit einem Stipendium von der START-Stiftung gefördert, was mir wichtige Unterstützung und Orientierung auf meinem Bildungsweg gab.
Meine Kindheit und Jugend waren zudem stark durch die Situation meines zehn Jahre jüngeren Bruders geprägt, der schwerbehindert ist, was ihn zu einem sehr anspruchsvollen Pflegefall macht. Bereits seit meiner Kindheit musste ich als ‚Glaskind‘ meine Eltern bei seiner Pflege und im Alltag unterstützen. ‚Glaskinder‘ sind Geschwisterkinder, die quasi ‚unsichtbar‘ oder emotional übersehen werden, weil die Eltern ihre volle Aufmerksamkeit auf das Geschwisterkind mit Behinderung richten. Dadurch wuchs meine Verantwortung und ich musste in vielerlei Hinsicht schneller erwachsen werden als andere Gleichaltrige.
Vor dem Hintergrund meines Perfektionsstrebens, das ich als migrantische Tochter entwickelte, frage ich mich manchmal, ob ich noch mehr hätte schaffen können. Doch dann denke ich daran, dass ich studieren konnte, einen Masterabschluss absolviert habe und finanziell unabhängig bin – trotz aller Widrigkeiten, die meinen Bildungsweg geprägt haben: Meine Eltern sind auch heute noch in vielerlei Hinsicht auf meine Unterstützung angewiesen, während sie selbst wenig für mich tun können.
Gerade deshalb bin ich dankbar für die Unterstützung der START-Stiftung, die mir als Schülerin viele Chancen eröffnet und mir geholfen hat, meinen Weg zu gehen. Diese positiven Erfahrungen prägen mich stark und motivieren mich heute, als Mitarbeiterin, Jugendlichen Möglichkeiten zu eröffnen, sie zu unterstützen, gut zu vernetzen und ihnen so viele Türen wie möglich zu öffnen – weil ich mich selbst in ihrer Situation wiedererkenne.“
SWANS: „Gab es Vorbilder, die dich für deinen Karriereweg positiv beeinflusst haben?“
Efpraxia Dermitzaki: „Während meines Studiums wurde ich von der Deutschlandstiftung Integration (DSI) im Mentoringprogramm ‚Geh Deinen Weg‘ (GDW) gefördert. Dort wurde mir eine berufserfahrene Mentorin zur Seite gestellt, die mich zwei Jahre lang begleitete und darüber hinaus weiterhin unterstützt. Ich bin Dr. Eva Voss extrem dankbar, da sie mir viele Türen geöffnet, mich gefördert und mir als Vorbild sehr geholfen hat. Auch im Berufsleben haben Programme wie ‚NISA Female Leadership’ meine Entwicklung positiv beeinflusst.“
SWANS: „Woher kommt dein Engagement für gesellschaftliche Teilhabe und Bildungsförderung? Was ist dein Antrieb?“
Efpraxia Dermitzaki: „Mein Antrieb kommt aus einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und meiner Sensibilität für Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung – geprägt durch meine Kindheit in einer bildungsorientierten, aber nicht akademischen Familie und meinen Erfahrungen als Frau mit Migrationsbezug. Das hatte zur Folge, dass ich gemeinsam mit einem anderen START-Stipendiaten vor 16 Jahren in der Oberstufe die Jugendinitiative ‚Young United Cultures‘ an meiner Schule gründete. Ziel war es, Jugendliche für Vielfalt zu sensibilisieren und sich für ein friedliches Miteinander einzusetzen. Dieses frühe Engagement hat sich bis ins Erwachsenenalter gezogen und in meinem gemeinnützigen Verein BRIDGES e.V. seine Fortsetzung gefunden.“
SWANS: „Welche Entwicklungen im Bildungsbereich stimmen dich aktuell hoffnungsvoll und wo siehst du Handlungsbedarf?“
Efpraxia Dermitzaki: „Ich bin grundsätzlich positiv gestimmt und hoffnungsvoll, was die generelle Öffnung und Sensibilisierung unserer Gesellschaft betrifft. In den letzten 15 Jahren habe ich beobachtet, dass das Bewusstsein für Vielfalt, Ungerechtigkeiten und ein gerechtes Miteinander deutlich gewachsen ist und immer mehr Menschen aktiv gegen Diskriminierung eintreten. Gleichzeitig besteht noch Verbesserungsbedarf, insbesondere darin, den Begriff von ‚Leistung‘ neu zu denken. Besonders die Leistungen von Menschen mit Migrationsbezug – sei es durch Unterstützung ihrer Familien im Alltag, Begleitung bei Behördengängen oder Sprachmittlung – werden oft übersehen.
Ich wünsche mir, dass diese Beiträge sichtbar gemacht, anerkannt und gewürdigt werden und dass gesellschaftlich ein breiteres, gerechteres Verständnis von Leistung etabliert wird. Wir brauchen ein neues Leistungsverständnis, das Leistung im Kontext der jeweiligen Lebensrealität betrachtet: Die Bedingungen, unter denen Menschen etwas leisten, sind entscheidend. Jemand, der als eingewanderte Person seine pflegenden Eltern unterstützt, bringt andere Voraussetzungen und Herausforderungen mit als jemand, der hier geboren ist und keine vergleichbaren Belastungen hat.
Leistung darf nicht isoliert betrachtet werden – sie muss anerkennen, was Menschen unter spezifischen Umständen erbringen. Care-Arbeit, Unterstützung innerhalb der Familie oder das Meistern von Hürden im Alltag sind Leistungen, die oft als selbstverständlich angesehen werden, aber in Wirklichkeit eine enorme Verantwortung und Arbeit bedeuten. Eine gerechtere Gesellschaft braucht deshalb ein neues Leistungsverständnis, das diese Kontexte berücksichtigt, Leistungen sichtbar macht und sie wertschätzt.
Gleichzeitig freue ich mich sehr darüber, dass unsere Gesellschaft insgesamt offener und liberaler geworden ist. Wir sind sensibler geworden für Formen der Diskriminierung wie beispielsweise Rassismus und Misogynie. Immer mehr Menschen erkennen diese Phänomene, trauen sich, diese zu benennen und aktiv zu bekämpfen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Herausforderungen verschwunden sind: Radikale Tendenzen werden gleichzeitig stärker, wie wir an der politischen Verschärfung etwa durch die AxD sehen. Ich bleibe daher hoffnungsvoll, aber wachsam – unsere Gesellschaft entwickelt sich in die richtige Richtung, doch wir müssen weiterhin aufmerksam und engagiert bleiben.“
SWANS: „Die START-Stiftung hat viele Partnerschaften. Wie können wir uns diese Zusammenarbeit vorstellen und wie gewinnt man solche Unternehmen für ein gemeinnütziges Projekt?“
Efpraxia Dermitzaki: „Ich bin selbst nicht im Partnermanagement tätig, sondern gestalte die Bildungsformate der START-Stiftung mit. Grundsätzlich ist es aber so, dass vermehrt Unternehmen, Organisationen und Stiftungen die von uns geförderten Jugendlichen mit Migrationsbezug als eine besonders interessante Zielgruppe sehen. Dadurch ergeben sich attraktive Ansatzpunkte für Partnerschaften, die auf Förderung von Talenten setzen.“
SWANS: „Was würdest du einer Person konkret empfehlen, die eine gemeinnützige Organisation gründen will?“
Efpraxia Dermitzaki: „Ich würde empfehlen, dass man auch bei einem ehrenamtlichen Projekt von Anfang an eine klare Struktur und ein hohes Verantwortungsbewusstsein etabliert – so, als würden alle hauptamtlich arbeiten. Das bedeutet, dass Aufgaben klar delegiert werden, man sich auf das Team verlassen können muss und Effizienz und Engagement ernst genommen werden. Gleichzeitig sollte man Verständnis für individuelle Lebensrealitäten haben, etwa wenn Teammitglieder noch andere Verpflichtungen haben. Wichtig ist, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln: Das Projekt soll als ernstzunehmendes Vorhaben wahrgenommen werden, für das jede Person Verantwortung trägt. So erkennt man auch schnell, wer wirklich motiviert ist, das Projekt aktiv voranzubringen, und wer nur halbherzig mitwirken kann. Dieses Learning hat sich aus meiner Erfahrung bei der Leitung von BRIDGES als zentral erwiesen.“
SWANS: „Was ist deine Erfahrung mit Fundraising und Förderungen? Wie gut stehen die Chancen, Fördergelder für gemeinnützige Bildungsprojekte zu erhalten? Welche Anlaufstellen kannst du empfehlen?“
Efpraxia Dermitzaki: „BRIDGES e.V. wurde in der Vergangenheit zum Beispiel von ‚Demokratie leben‘ und von gemeinnützigen Stiftungen gefördert. Zusätzlich kann ich sehr empfehlen, sich auch um Wettbewerbe und Preise zu bewerben, die mit Preisgeldern dotiert sind. Wir selbst haben damit gute Erfahrungen gemacht: Absagen gehören dazu, sollten aber nicht entmutigen. Wichtig ist, Fördermöglichkeiten aktiv zu recherchieren, Chancen zu erkennen und mutig zu bleiben. Auch wenn man manchmal zunächst Absagen bekommt, lohnt es sich, dranzubleiben – so lassen sich am Ende Mittel gewinnen, die das eigene Projekt erheblich voranbringen.“
SWANS: „Was waren deine Herausforderungen als Vorstandsvorsitzende in der aktiven Phase von BRIDGES und wie hast du diese gelöst?“
Efpraxia Dermitzaki: „Eine zentrale Herausforderung als Vorstandsvorsitzende von BRIDGES war die Kommunikation und das Zwischenmenschliche im Team. Auch in einem professionellen Umfeld bleiben Menschen Menschen. Daher war es wichtig, respektvoll, empathisch und rücksichtsvoll auf die individuellen Lebensrealitäten der Teammitglieder einzugehen. Gleichzeitig musste eine gemeinsame Haltung geschaffen werden, die Effizienz, Disziplin, Zuverlässigkeit und Durchhaltevermögen betont, damit das Projekt erfolgreich vorankommt. Meine Aufgabe war es, das Team zusammenzuhalten, als Vorbild in allen Bereichen – Kommunikation, Empathie und Disziplin. Und so eine Kultur zu fördern, in der alle motiviert und verlässlich zusammenarbeiten können.“
SWANS: „Welche Entscheidung hat rückblickend auf deine Karriere einen großen Unterschied gemacht?
Efpraxia Dermitzaki: „Rückblickend war eine der wichtigsten Entscheidungen, dass ich mich bewusst entschlossen habe, nicht Diplomatin zu werden. Stattdessen habe ich mich dafür entschieden, mich für die Zivilgesellschaft stark zu machen und im gemeinnützigen Bereich zu arbeiten. Diese Entscheidung hat meinen beruflichen Weg entscheidend geprägt und sich für mich als die richtige Wahl herausgestellt.“
SWANS: „Was hält dich auf Dauer motiviert, trotz Gegenwind weiterzugehen?“
Efpraxia Dermitzaki: „Was mich auf Dauer motiviert, ist vor allem meine Mission für eine gerechte und inklusive Gesellschaft. Und zwar trotz der Herausforderungen, die sich aus meiner Herkunft aus einer nichtakademischen, finanzschwachen Familie ohne Ressourcen und Netzwerke ergeben haben. Ich habe auf meinem Weg viel Unterstützung erfahren, insbesondere durch die START-Community, die Deutschlandstiftung Integration sowie dem Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds. Diese Förderung, der Zuspruch, die Anerkennung und das Vertrauen von Menschen, die an mich geglaubt haben, haben mir geholfen, trotz aller Schwierigkeiten weiterzumachen. Ein konkretes Beispiel ist der Gewinn des Preises ‚Inspiration des Jahres 2025’ bei Netzwerk Chancen, der nur durch die Unterstützung meines Netzwerks möglich war. Für mich zeigt das, wie wichtig Gemeinschaft, Potenzialförderung und Vertrauen sind. Dies gibt mir die Kraft, trotz Gegenwind weiterzugehen.“
SWANS: „Was würdest du Frauen mitgeben, die sich engagieren wollen, aber Angst haben, ‘nicht genug’ zu sein?“
Efpraxia Dermitzaki: „Diesen negativen Glaubenssatz kenne ich persönlich leider zu gut, denn er hat auch mich schon oft gesteuert. Allerdings müssen wir erkennen, dass es sich bei diesem negativen Glaubenssatz, der direkt das Selbstwertgefühl betrifft, nicht um die Wahrheit handelt. Das betrifft verstärkt Frauen mit Migrationsbezug, die nicht nur gesellschaftlich, sondern auch im familiären Umfeld unter extremen Leistungsdruck stehen. Wie die renommierte Psychologin Stefanie Stahl analysiert, handelt es sich um unsere subjektive Wirklichkeit. Leider nehmen wir uns selbst aber durch die Brille dieses Glaubenssatzes wahr.
Dieser Wahrnehmungsverzerrung können wir entgegenwirken, indem wir an unserer inneren Haltung arbeiten und uns selbst empathisch sagen, dass wir genügen, auch wenn wir nicht fehlerfrei oder perfekt sind. Außerdem lässt uns jede Herausforderung, der wir uns stellen, wachsen! Mir hat diese Einstellung geholfen, mein Perfektionsstreben zu zähmen und den Leistungsdruck zu reduzieren.“
SWANS: „Welchen Ratschlag würdest du unseren ‚Schwänen’ abschließend mitgeben?”
Efpraxia Dermitzaki: „Mein Ratschlag an die ‚Schwäne’ wäre: Seid mutig! Mut bedeutet nicht, gar keine Angst zu haben, sondern trotz seiner Angst zu handeln. Ich selbst habe mich in der Vergangenheit oft durch mangelndes Selbstvertrauen gebremst, doch ich habe gelernt: Für alles gibt es ein erstes Mal, zum Beispiel: Wenn du noch nie eine Führungsposition bekleidet hast, dann traue dich, Verantwortung zu übernehmen. Habe den Mut, dich der Herausforderung zu stellen. Und habe auch den Mut zu scheitern. Absagen oder Ablehnung gehören dazu, aber das ist kein Grund aufzugeben. Stehe auf, richte dein Krönchen und mache weiter. Genau diese Erfahrungen stärken dich, lassen dich wachsen und machen dich selbstsicherer.“
SWANS: „Vielen Dank für das Gespräch!“


