Khola Maryam Hübsch: „Wenn andere an dich glauben, wächst du total über dich hinaus“
Khola Maryam Hübsch ist Journalistin, Schriftstellerin und Publizistin aus Frankfurt am Main. Als freie Referentin und beliebter Talkshowgast vertritt sie die Emanzipation im Islam und steht für seine Vereinbarung mit Menschenrechten, Demokratie und Aufklärung. Als Vertreterin der islamischen Sondergemeinschaft Ahmadiyya hält sie Vorträge und Vorlesungen an Universitäten und geht in den interreligiösen Dialog. Im Gespräch mit SWANS zeigt sie eine sehr persönliche Seite von sich und erzählt von Erfahrungen, die in anderen Interviews nicht thematisiert werden. Wir wollten wissen, wie es ihr in der Schulzeit ging und welche Erlebnisse ihren Werdegang geprägt haben. Das Gespräch führte Maycaa Hannon. SWANS: Wer hat immer an Sie geglaubt? Hübsch: Ich bin mit sieben Geschwistern aufgewachsen, da hat der Einzelne nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Auch wenn ich also aktiv nicht großartig gefördert wurde, habe ich doch gespürt, dass meine Eltern an mich geglaubt haben. Bei Niederlagen und Problemen hatten sie immer ein offenes Ohr und haben mir Mut gemacht. Sie haben mich immer angespornt, weiter zu machen und nicht aufzugeben. Meine Eltern waren mir Vorbilder, da sie eine lebendige Beziehung zu Gott hatten. Mein Vater hatte dadurch eine unglaubliche Zuversicht und Ausstrahlung. Schwierigkeiten, die mir erdrückend erschienen, waren nach Gesprächen mit ihm wieder peanuts. Es gibt eine Macht, die viel stärker ist als jemand Böses mir je zufügen kann. Wenn ich mich dahin wende und im Gebet auch um Kraft bitte, dann wird sich alles zum Guten fügen. SWANS: Wer hat Sie unterschätzt? Hübsch: Mein Vater war Aktivist, Schriftsteller, Imam und ein Intellektueller. Zuhause haben wir so ganz nebenbei sehr vieles mitbekommen – zum Beispiel, dass da tausende von Büchern und Zeitungen herumlagen. In diesem Klima bin ich groß geworden. In der Schule wurde ich aber behandelt, als würde ich aus einer bildungsfernen Schicht kommen, gemäß dem klassischen Migranten-Vorurteil. Dann trug ich auch noch ein Kopftuch. Somit wurde ich immer sehr unterschätzt. Das hat sich dann so gezeigt, dass ich bei anfänglichen Notenbesprechungen in der Schule meist schlechte Noten bekommen habe und, sobald ich Prüfungen schriftlich abgegeben habe, auf einmal einen Riesensprung nach oben gemacht habe. In der Uni waren die Dozenten regelmäßig sehr irritiert, dass die beste Arbeit mit dem deutschen Namen der Kopftuch-Studentin gehörte, der sie das wohl als letztes zugetraut hätten. Ich glaube, diese Form der Fehleinschätzung kommt häufig vor. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Migranten, die in den 70er-Jahren nach Deutschland gekommen sind, überwiegend aus bildungsfernen Schichten kamen. Das Bild der stereotypischen Gastarbeiterfamilie hat sich bei Lehrern eingeprägt. Sie haben dementsprechend eine Erwartungshaltung an diese Kinder gestellt. Das ist gefährlich, denn dadurch können selbsterfüllende Effekte in Gang kommen. Ich habe keine Gymnasialempfehlung bekommen, aber später einen Abiturdurchschnitt von 1,1 gehabt. Diese Abweichung zeigt, wie wenig einem zugetraut wird – es kann aber auch Ansporn sein. Ich habe ohne Gymnasialempfehlung das Gymnasium besucht, weil es in unserer Familie so üblich war. Ich hatte das Bedürfnis, es auf jeden Fall zu schaffen, um den Erwartungen gerecht zu werden. Die Gefahr ist allerdings, dass nicht alle diese Strategie fahren, da nicht alle das nötige Selbstbewusstsein dazu haben. Dadurch kann auch sehr leicht ein Minderwertigkeitskomplex entwickelt werden. Es ist gefährlich, dass zusätzlich dazu unser Bildungssystem noch total diskriminiert. SWANS: Wo war es für Sie besonders schwer? Wo besonders einfach? Hübsch: Schule ist mir leichtgefallen. Auch das Studium, wobei es immer zwei Seiten hatte. Die eine war die fachliche und intellektuelle, die ist mir leichtgefallen. Das soziale war jedoch nicht immer ohne. So war ich im Studium schon mal Outsider. Ich hatte es in einen Studiengang mit einem hohen NC reingeschafft, war die Einzige mit einem Migrationshintergrund, wurde ständig komisch angeschaut, niemand traute mir etwas zu. Da musste ich mir meinen Platz erstmal erarbeiten. Viele glaubten auch, dass ich kein Deutsch kann. Bis ich mir meine soziale Stellung erarbeitet hatte, ist der Kurs meist schon wieder um. Es fängt also wieder von vorne an, in jedem Seminar. Dazu ist das Studium so anonym. Das kann anstrengend sein, war für mich aber nicht so schlimm, weil ich ohnehin viele soziale Kontakte hatte – das fängt es dann auf. Das sind so Hürden des täglichen Lebens. Gerade mit Kopftuch hast du da schnell einen Stempel auf. Du wird in Schubladen gesteckt, gegen die du erstmal ankämpfen musst. So giltst du zum Beispiel als rückständig, sehr konservativ oder ideologisch. Du wirst auch sehr viel gefragt. Einerseits ist es positiv, da du so ins Gespräch kommst. Andererseits bist du dadurch in einer Rechtfertigungsrolle – die kann auch nerven. Wobei ich immer versucht habe, es konstruktiv anzugehen. Diese Grundhaltung ist wichtig. SWANS: Wer hat Sie besonders gepusht? Hübsch: Es gab eine Deutschlehrerin, die sehr viel Potenzial in mir gesehen hat. Sie hat nicht unbedingt etwas Besonderes getan – außer mir berechtigt gute Noten zu geben und diese vor anderen zu verteidigen. Sie hat mich jetzt nicht empfohlen oder ähnliches; es ist aber wichtig, dass es Leute gibt, die wertschätzen, was du tust. Ich glaube dann in der Gemeinde, ich war ja da in der Jugendarbeit tätig, da haben viele Potenzial gesehen und in diesem Kontext gab es viele, die mich gepusht haben. So bin ich in sehr jungen Jahren in den Vorstand gekommen. Das war schon recht ungewöhnlich, da ich auch einer der jüngsten war. Ich war deutschlandweit für den interreligiösen Dialog zuständig. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, was das bedeutet. Das wurde mir aber damals zugetraut und ich bin da hineingewachsen. Das war schon irgendwo ein Sprung ins kalte Wasser, aber weil es mir zugetraut wurde, habe ich das gar nicht als Problem gesehen und es mir selbst dann auch zugetraut. Das ist ja normal, wenn andere einen mit Aufgaben beladen, die erst sehr schwierig erscheinen. Wenn diese Personen aber an einen glauben, dann wächst du auch total über dich hinaus. Da werden dann Kräfte frei, die dich reifen lassen. SWANS: Wie stehen Sie zur Quotendiskussion? Hübsch: Es ist schwierig. Die Quote ist irgendwo eine sinnvolle Sache, denn in vielen Bereichen wird es nicht ohne gehen, bis ein Umdenken stattfindet. Wobei ich es
