Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich muss im Mittelpunkt meines Lebens stehen.“

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak ist Professorin für Interkulturelle Psychiatrie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie mit Schwerpunkt traumafokussierte Verfahren und EMDR. Sie leitet die Forschungsgruppe Interkulturelle Migrations- und Versorgungsforschung, Sozialpsychiatrie. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. 2006 von der Türkischen Gemeinde in Berlin, 2011 für ihre Suizidpräventionskampagne, 2014 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und 2022 von der World Association of Cultural Psychiatry (WACP). Sie ist Vorstandsmitglied der European Psychiatric Association (EPA), Vorsitzende deren Committee on Ethics, Vorstandsmitglied der WACP sowie stellvertretende Vorsitzende der Sektion Interkulturelle Psychiatrie der DGPPN und Präsidentin der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie (DTGPP). Seit 2022 gehört sie dem Vorstand des European Institute of Women’s Health (EIWH) an, dessen Vorsitz sie 2024 übernahm; seit 2025 ist sie President Elect der WACP.  Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Trauma und Traumafolgestörungen, psychische Gesundheit und Versorgung von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte, Diversität, Gender, Suizidalität sowie ethische Fragen. Das Gespräch führte Zekiye Tolu.    

SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich bin in einem kleinen Dorf in der Türkei aufgewachsen. Meine Kindheit war frei und unbeschwert: Wir Kinder streiften durch Wälder, sammelten Pilze und Blumen, jagten manchmal fremde Ziegen und verbrachten Sommer mit der Großfamilie auf der Alm Yayla. Zuhause hatten wir einige Tiere – es war eine einfache, aber für mich glückliche Zeit.  

Schwieriger wurde es, als meine Eltern nach Deutschland gingen. Meine Schwester und ich blieben zunächst bei den Großmüttern, bis entschieden wurde, dass auch wir nach Deutschland sollen. Die Reise ohne Eltern war aufregend und überfordernd zugleich. In Deutschland angekommen mussten wir schnell in die Schule – ich konnte gerade einmal „ja“ und „nein“ sagen.  

Trotzdem hatte ich Glück: Mein Klassenlehrer Hr. Müller unterstützte mich sehr. Ein anderer Lehrer sorgte dafür, dass ich aufs Gymnasium durfte. Eine Deutschlehrerin gab mir nachmittags kostenlos Nachhilfe, weil sie an mich glaubte. So wurde die Schule zu einem Ort, an dem ich Selbstvertrauen gewann und gute Leistungen zeigte.  

Zu Hause war es dagegen schwierig.   

Ich wehrte mich wiederholt gegen die Heiratspläne meiner Familie und gegen den Druck, den ‚Ruf der Familie‘ zu wahren. Am Ende setzte ich mich durch: Ich blieb in Deutschland, machte mein Abitur und ging meinen eigenen Weg. Ohne die Unterstützung einzelner Lehrer:innen und eines türkischstämmigen Sozialarbeiters hätte ich das wohl nicht geschafft. Meine Jugend war turbulent, voller Konflikte – aber sie hat mich stark gemacht und mir gezeigt, wie wichtig Bildung und Selbstbestimmung sind.“  

SWANS: „Ihre Eltern haben Ihren Berufswunsch anfangs nicht gefördert, d.h. der Wunsch entsprang aus Ihrer eigenen Motivation?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich bin die Erste in meiner Familie, die Akademikerin wurde. Bei uns gab es damals niemanden, der studiert hatte – das kam ganz aus meiner eigenen Motivation. Inzwischen gibt es zum Glück einige in der Familie, interessanterweise überwiegend Frauen.“  

SWANS: „Warum haben Sie die Berufsrichtung Medizin gewählt?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich wollte ursprünglich internationales Recht oder Biochemie studieren, weil mich diese auch sehr interessiert haben. Durch Gespräche mit Freundinnen kam ich schließlich zur Medizin – ich wollte helfen und dachte: ‚Ich probiere es einfach.‘ Als ich angenommen wurde, waren meine Eltern doch sehr stolz.  

Für das Studium entschied ich mich schließlich für Hannover. Meine Mutter wollte sogar ihren Job kündigen, um mitzukommen, ließ es aber, nachdem wir gemeinsam erkannten, dass das nicht nötig war.“  

SWANS: „Sie haben einen sehr beeindruckenden Werdegang. Woher kam Ihr Ehrgeiz und was ist ihr Antrieb?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ist das Ehrgeiz? Mein Ehrgeiz ist nicht aus dem Wunsch entstanden, besonders erfolgreich zu sein, sondern aus echter Freude an meiner Arbeit und dem Bedürfnis, Menschen zu unterstützen. Schon während des Studiums und später als Ärztin im Praktikum habe ich oft gedacht: „Das schaffst du nicht – du kennst hier niemanden, du bist fachlich noch nicht so weit.“ Doch jedes Mal, wenn ich eine dieser Hürden gemeistert hatte, hat mich das unglaublich motiviert. Dieses Gefühl, trotz Unsicherheit etwas zu schaffen, war ein wichtiger Treiber meines Ehrgeizes.  

Dazu kam, dass ich häufig die Erste war – die Erste in meiner Familie, die studierte, die Erste, die in diesen beruflichen Räumen stand. Das hat mich geprägt. Je mehr Verantwortung ich übernahm, desto klarer merkte ich, dass ich damit etwas bewirken kann. Als ich dann in Berlin in die Forschung einstieg, ohne vorher echte Forschungserfahrung gehabt zu haben, war das zunächst enorm herausfordernd. Aber genau daraus entstand eine neue Form von Antrieb: Wenn ich mich dort hineingebe, kann ich Dinge verändern.  

Besonders geprägt haben mich die Projekte, die wir entwickelt und umgesetzt haben. Viele davon waren gesellschaftlich relevant und emotional sehr intensiv. Das Berliner Bündnis gegen Depression war eines der ersten großen Vorhaben, bei dem ich merkte, wie wichtig vernetzte, kultursensible Aufklärung ist. Sehr eindrücklich war auch unser Suizidpräventionsprojekt für türkischstämmige junge Frauen mit der Kampagne „Beende dein Schweigen, nicht dein Leben!“ – eine Arbeit, die viel Mut, Vertrauen und Sensibilität erforderte, aber auch großes Echo fand.  

Später folgten weitere Projekte, etwa die „Female Refugee Study“, in der wir geflüchtete Frauen repräsentativ untersuchten, oder die Studie zur psychischen Gesundheit von Sexarbeiterinnen. Diese Themen sind nicht leicht, aber sie zeigen, wie wichtig Sichtbarkeit und wissenschaftliche Daten für marginalisierte Gruppen sind. Das hat meinen fachlichen wie persönlichen Antrieb enorm verstärkt.  

Mit der Zeit kamen daraus auch Habilitation, zahlreiche Publikationen und schließlich Leitungsrollen in deutschen, europäischen und internationalen Fachgesellschaften. Das war nie der ursprüngliche Plan – es hat sich ergeben, weil ich merkte, dass ich auf diesen Ebenen Strukturen mitgestalten kann und verändern kann.  

Mein Ehrgeiz ist deshalb gewachsen aus Freude am Lernen, aus dem Erfolgserlebnis, Herausforderungen zu meistern, und vor allem aus dem Wunsch, die Lebenssituation vulnerabler Gruppen wirklich zu verbessern. Das ist bis heute mein stärkster Antrieb.“  

SWANS: „Mit welchen Herausforderungen sind diese Frauen typischerweise konfrontiert? Und welche Unterstützung erfahren sie, wenn sie sich an entsprechende Netzwerke wenden?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Netzwerke sind sehr wertvoll, weil man beeindruckende, taffe Frauen beispielsweise am Kaminabend der Tagesspiegel, kennenlernt – etwa Schriftstellerinnen, Künstlerinnen oder Aktivistinnen wie Reyhan Şahin. Seyran Ateş z. B. ist auch eine sehr beeindruckende Frau, die tolle Arbeit macht. Sie inspirieren, eröffnen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterstützung.  

Gleichzeitig habe ich gelernt, dass Kontakte allein nicht ausreichen. In beruflichen Kontexten braucht man auch Seilschaften mit Männern, um Chancen zu nutzen und schwierige Situationen zu meistern – so wie ich von Kollegen wie Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz gefördert wurde. Diese Beziehungen basieren auf Gegenseitigkeit: fördern, fordern, zusammenarbeiten.  

Diese Zusammenarbeit hat letztlich auch dazu geführt, dass ich in Berlin geblieben bin, Verantwortung übernehmen konnte und schließlich die Professur für interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie erhielt, die in Deutschland einen Alleinstellungsmerkmal hat.“  

SWANS: „Was können wir aus den Studien lernen? Welche Erkenntnisse haben Sie dadurch gezogen?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Aus den Studien lässt sich vor allem lernen, dass Frauen nach wie vor eine vulnerable Gruppe darstellen – insbesondere Frauen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele Frauen über bestimmte gesundheitliche oder soziale Belastungen nach wie vor zu wenig sprechen.  

Zudem zeigen die Ergebnisse, dass Frauen häufig andere Symptome oder Beschwerdebilder aufweisen als Männer, jedoch dennoch mit denselben Medikamenten behandelt werden. Viele klinische Studien werden überwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt, sodass geschlechtsspezifische Unterschiede in Stoffwechsel- und Abbauprozessen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dadurch entstehen erhebliche Wissenslücken. Ein Beispiel dafür ist der Herzinfarkt: Bei Frauen äußert er sich häufig anders als bei Männern – und vielen ist das gar nicht bewusst.  

Darüber hinaus betreffen die Erkenntnisse auch gesellschaftliche Bereiche wie Kinderbetreuung, Chancengleichheit und berufliche Perspektiven. In unserem Haus versuchen wir diesen Herausforderungen aktiv zu begegnen. Wenn eine Mitarbeiterin nach der Elternzeit beispielsweise nur an drei Tagen pro Woche arbeiten kann, suchen wir gemeinsam nach Lösungen, die sowohl fair als auch organisatorisch tragfähig sind. Frauenförderung ist bei uns ausdrücklich auch in Teilzeit möglich – was in vielen anderen Einrichtungen leider nicht selbstverständlich ist.  

Wir schaffen zudem gezielt Forschungsstellen für Frauen und ermöglichen ihnen so wissenschaftliche Qualifizierung, etwa im Rahmen einer Promotion. Derzeit betreue ich etwa 13 Doktorand:innen – mit Ausnahme einer Person sind es ausschließlich Frauen. Das ist bewusst so gewählt, um Ressourcen fair zu verteilen und Frauen in der Forschung stärker zu unterstützen.“  

SWANS: „Was würden Sie Ihrer jüngeren Version, Meryam, die kurz vor dem Studium stand, aus heutiger Sicht mit auf den Weg geben?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich würde meiner jüngeren Version vor dem Studium raten, unbedingt Auslandserfahrungen zu sammeln – idealerweise ein Jahr im Vereinigten Königreich, um Englisch wirklich sicher zu beherrschen. Zudem würde ich ihr empfehlen, sich in bestimmten Bereichen gezielter zu qualifizieren und den Druck, unbedingt in Regelstudienzeit „durchkommen“ zu müssen, etwas zu relativieren.  

Ein Auslandssemester hätte mir persönlich ebenfalls gutgetan, und ich würde ihr raten, die Promotion möglichst schon während des Studiums oder unmittelbar danach abzuschließen. Ich selbst habe meine Dissertation zwar beendet, aber erst zwei Jahre später, als ich bereits im Arbeitsleben war, abgeschlossen. Auch die frühe Entscheidung für ein Forschungsgebiet, in dem man langfristig arbeiten möchte, würde ich ihr ans Herz legen – sofern man diesen Weg einschlagen will.  

Ganz wesentlich ist außerdem der Aufbau eines guten Netzwerks. Dabei sollte man sich nicht ausschließlich auf Frauennetzwerke verlassen, so wichtig und wertvoll Frauenpower auch ist. Meine Erfahrungen, etwa in der Frauenunion – aber dieses Muster gibt es in vielen Bereichen –, haben gezeigt, dass reine Frauennetzwerke manchmal nicht ausreichen. Ein vielfältiges, gut gemischtes Netzwerk ist langfristig deutlich hilfreicher.“  

SWANS: „Was kann in Ihrem Beruf in Bezug auf Frauenförderung aus Ihrer Sicht verbessert werden?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Aus meiner Sicht gibt es im Bereich der Frauenförderung noch erheblichen Verbesserungsbedarf. In vielen Führungsetagen – ob als CEO, im Vorstand oder in anderen leitenden Positionen – sind Frauen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Ich bin grundsätzlich kein großer Fan von starren Vorgaben, aber in diesem Fall halte ich verbindliche Quoten für notwendig. Ohne solche Maßnahmen werden Frauen in diese Ebenen nicht in ausreichendem Maße vordringen.  

Ein weiterer zentraler Punkt ist die bessere Unterstützung von Frauen im Berufsverlauf. Dazu gehören verlässliche Kinderbetreuungsangebote, flexible Arbeitszeitmodelle und echte Teilzeitoptionen auch in qualifizierten Positionen. Familienfreundliche Strukturen sind aus meiner Sicht entscheidend, denn genau an diesem Punkt entsteht häufig der Bruch in beruflichen Laufbahnen. Viele Frauen schaffen den Wiedereinstieg, aber ebenso viele verlieren Anschlussmöglichkeiten und geraten ins Hintertreffen.  

Außerdem wünsche ich mir mehr Transparenz und echte Gleichbehandlung beim Gehalt. Es ist schwer nachvollziehbar, warum Frauen bei gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeit teilweise immer noch schlechter bezahlt werden. Das sollte längst überwunden sein.  

Was den Weg vor und während des Studiums betrifft, würde ich jungen Frauen raten, den Blick zu weiten und nicht nur mit „Scheuklappen“ durch das Studium zu gehen. Rückblickend hätte ich selbst gerne mehr über den eigenen Fachbereich hinausgeschaut. Das war bei mir damals schwierig, weil ich aus finanziellen Gründen viel gearbeitet habe – sowohl während des Semesters als auch in den Semesterferien. Ich habe Nebenjobs angenommen, von Tätigkeiten in der Gastronomie bis hin zu Nachhilfeunterricht. Das war herausfordernd, hat mich aber auch unabhängig gemacht, und in gewisser Weise hat mir diese Erfahrung gutgetan.“  

SWANS: „Wie sieht die Chancengleichheit von Frauen in der Medizin aus?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Die Chancengleichheit von Frauen in der Medizin ist nach wie vor ausbaufähig – da besteht eindeutig noch Luft nach oben.“  

SWANS: „Welche Unterschiede beobachten Sie im beruflichen Kontext zwischen Frauen mit Migrationsgeschichte und Frauen ohne Migrationsgeschichte? “  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Aus meiner Sicht stehen Frauen mit Migrationsgeschichte im beruflichen Kontext häufig vor zusätzlichen Hürden. Sie müssen sich – zumindest gefühlt – stärker qualifizieren oder mehr vorweisen, um im Bewerbungsprozess als gleichwertig wahrgenommen zu werden. Bei identischen Voraussetzungen werden oft die einheimischen Bewerberinnen bevorzugt. Das führt dazu, dass Frauen mit Migrationsgeschichte in vielen Situationen mehr leisten müssen, um dieselben Chancen zu erhalten.  

Hinzu kommt, dass sie häufiger mit Diskriminierung und stereotypen Zuschreibungen konfrontiert sind. Sie müssen sich oft auf mehr Stellen bewerben und stoßen dabei mitunter auf strukturelle Benachteiligungen, die nicht immer offen ausgesprochen werden. Gerade bei Bewerbungen auf Professuren oder andere Führungspositionen gibt es hinter den Kulissen Entscheidungsprozesse, bei denen man sich manchmal fragt, warum bestimmte Kandidatinnen ausgewählt werden und andere nicht – obwohl Letztere objektiv eigentlich überzeugender wären.  

Auch wenn ich hierfür keine konkreten statistischen Belege nennen kann, entspricht dies doch meiner Erfahrung und Beobachtung aus der Praxis.“  

SWANS: „Und was können wir aus Ihrer Sicht dagegen tun?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Um Unterschiede im beruflichen Erfolg zwischen Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte auszugleichen, ist vor allem Selbstbewusstsein und sicheres Auftreten wichtig. Viele Frauen mit Migrationskontext zeigen Unsicherheit in Körpersprache oder Verhalten – oft aus Sorge, den Anforderungen nicht gerecht zu werden.  

Deshalb ist es hilfreich, Strategien zu entwickeln, sich klar zu präsentieren, sei es durch Mentoring, Coaching oder Learning by Doing. Entscheidend ist, eigene Wege zu finden, Erfahrungen zu sammeln und Schritt für Schritt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufzubauen. Mit der Zeit entwickelt jede ihre individuelle Strategie die erfolgreich sein kann.  

Es hat nie gereicht, dass mir andere sagen: „Na klar, mach das doch. Du kannst das doch auch ganz gut.“ Nur weil andere überzeugt sind, heißt das noch lange nicht, dass ich selbst auch überzeugt bin. Ich muss wirklich selbst davon überzeugt sein, dass ich es schaffen kann. Diese innere Überzeugung ist entscheidend – sie gibt Sicherheit, formt Auftreten und macht es möglich, Herausforderungen selbstbewusst anzugehen. ‘Learning by Doing’ hilft dabei, Schritt für Schritt dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.“  

SWANS: „Wie ist die allgemeine Entwicklung der Psychischen Krankheiten?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Aus meiner Sicht entwickeln sich psychische Erkrankungen in Deutschland derzeit eher in eine ungünstige Richtung. Das gesellschaftliche Klima hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert. Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Migration oder Flucht werden in den Medien und insbesondere in den sozialen Netzwerken sehr intensiv und häufig stark polarisiert diskutiert. Diese öffentliche Atmosphäre beeinflusst das Leben der betroffenen Menschen unmittelbar – sowohl auf gesellschaftlicher Makroebene als auch im ganz persönlichen Mikrokosmos.  

Solche ständigen Debatten und Spannungen können große Verunsicherung auslösen und im Extremfall krank machen. Vor allem Mikroaggressionen, die viele Betroffene nahezu täglich erleben, können sich über die Zeit aufstauen und zu erheblichen psychischen Belastungen führen – bis hin zu Depressionen, Angststörungen oder sogar Suizidalität. Der dauerhaft erhöhte Stresspegel wirkt sich zudem körperlich aus, etwa durch hormonelle Veränderungen oder ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck. Langfristiger Stress ist erwiesenermaßen gesundheitsschädlich.  

Hinzu kommt, dass politische Aussagen – manchmal bewusst zugespitzt – diese negative Stimmung zusätzlich verstärken. Wenn beispielsweise Politiker Migration pauschal als „Mutter aller Probleme“ bezeichnen, entstehen Wellen der Verunsicherung und Polarisierung, die bis heute nachwirken. Solche Narrative sind destruktiv und tragen nicht dazu bei, gesellschaftliche Stabilität oder gegenseitigen Respekt zu fördern. Leider wird die öffentliche Debatte häufig eher im Modus des ‘halb leeren Glases’ geführt.  

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Konsum von Social Media. Heute kann nahezu jede Person öffentlich kommentieren, Meinungen verbreiten oder andere Menschen anonym angreifen. Die Flut an negativen Nachrichten, Übertreibungen oder Denunziationen überfordert viele. Ein bewussterer, reduzierter Umgang mit sozialen Medien könnte helfen, die psychische Belastung zu verringern.  

Auch die Politik trägt hier Verantwortung. Statt destruktive Narrative zu bedienen oder sich gegenseitig anzugreifen, wäre es wichtig, für mehr Sachlichkeit und positive Orientierung zu sorgen. Im Moment ist das leider viel zu selten der Fall – und so verschlechtert sich die Situation eher, anstatt sich zu verbessern.“  

SWANS: „Wie finde ich als junge Frau meinen inneren Kompass und wie verliere ich ihn nicht aus den Augen?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Um als junge Frau den eigenen inneren Kompass zu finden – und ihn nicht zu verlieren – ist es aus meiner Sicht entscheidend, sich bewusst Zeit für Selbstreflexion zu nehmen. Man muss sich fragen: Was möchte ich wirklich? Wie stelle ich mir meinen Lebensentwurf vor? Welche Prioritäten habe ich – beruflich, persönlich, familiär? Wer diese Fragen nicht beantwortet, läuft Gefahr, sich zu verzetteln: etwa im Studium von Fach zu Fach zu springen, vieles auszuprobieren, aber wenig abzuschließen.  

Ich begegne in meiner Arbeit immer wieder Menschen, die sich an der Universität „verhaken“ – die zwar verschiedenste Tätigkeiten ausprobieren, aber ihre Promotion oder ihre Studienabschlüsse nicht zu Ende bringen. Durch zeitliche Befristungen im Hochschulsystem geraten sie dann irgendwann an Grenzen: Wer die Fristen überschreitet, muss gehen –manchmal auch ohne einen Abschluss, der Türen öffnet. Das führt zu großen Belastungen und einem Gefühl ’versagt’ zu haben.  

Auch sehr lange Studienzeiten können zum Problem werden. Wenn man mehrere Studiengänge nacheinander beginnt – etwa Psychologie, dann Medizin und vielleicht noch einen weiteren Bereich – zieht sich der Einstieg ins Berufsleben bis weit in die Dreißiger. Angesichts langer Erwerbsbiografien ist es wichtig, diese Phase bewusst zu strukturieren. Es geht nicht darum, keine Umwege zu machen, sondern darum, die eigenen Entscheidungen zielgerichtet zu treffen.  

Deshalb halte ich es für wichtig, früh zu definieren, wohin man möchte: Will ich eine Familie? Will ich eine wissenschaftliche Laufbahn? Will ich klinisch arbeiten? Jede dieser Entscheidungen beeinflusst, wie ich meine Zeit und Energie einsetze im Sinne des Work-Life-Balances.  

Was viele Studierende ebenfalls brauchen, ist Orientierung von außen – Menschen, die sie unterstützen, ihnen Rückmeldung geben und ihnen helfen, ihre Ziele zu klären. Denn ohne klaren inneren Kompass verliert man leicht die Richtung, und das führt selten dorthin, wo man eigentlich hinmöchte.“  

SWANS: „Was bringen Frauen mit Einwanderungsgeschichte mit und was zeichnet sie möglicherweise aus?“   

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Frauen mit Einwanderungsgeschichte bringen aus meiner Sicht viele besondere Stärken mit, die oft übersehen werden. Sie sind in der Regel äußerst belastbar und ‘tough’, weil sie auf ihrem Bildungs- und Berufsweg deutlich mehr Hürden überwinden müssen als viele Einheimische. Ob in der Schule, im Studium oder im Arbeitsleben: Die strukturellen Barrieren sind häufig höher, und die Unterstützung geringer.  

Ein Beispiel dafür zeigt sich bereits im Bildungssystem. Wenn man zwei Kinder – etwa „Anne“ und „Fatma“ – mit identischen Leistungen vergleicht, erhalten sie nicht immer die gleichen Empfehlungen. Während Anne häufiger eine gymnasiale Empfehlung bekommt, bleibt Fatma diese trotz gleicher Noten mitunter verwehrt. Das ist ein klarer Hinweis auf Diskriminierungsmechanismen, die langfristige Auswirkungen haben. Frauen mit Migrationsgeschichte müssen diese strukturellen Benachteiligungen oft schon sehr früh versuchen zu kompensieren.  

Gerade deshalb erlebe ich viele dieser Frauen als besonders ehrgeizig, kompetent und willensstark. Sie entwickeln eine enorme Ausdauer und ein hohes Maß an Motivation, weil sie wissen, dass sie sich stärker beweisen müssen, um dieselben Chancen zu erhalten. Trotz geringerer Unterstützung bringen sie häufig ein beeindruckendes ‚Kompetenzpaket‘ mit – fachlich wie persönlich.  

Ich würde mir wünschen, dass diese Stärken stärker gesehen und gefördert werden und dass die bestehenden Barrieren endlich abgebaut werden. Denn das Potenzial ist groß – es muss nur die Möglichkeit bekommen, sich voll zu entfalten.“  

SWANS: „Was möchten Sie abschließend unseren ‘Schwänen’ mitgeben?“  

Prof. Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: „Ich muss im Mittelpunkt meines Lebens stehen. Es geht darum, das eigene Leben bewusst zu gestalten und Verantwortung für die eigenen Ziele zu übernehmen. Wenn ich beispielsweise eine Professur anstrebe, dann muss ich aktiv etwas dafür tun: Wege suchen, Unterstützung einholen und prüfen, wo sich Möglichkeiten eröffnen. Und wenn ein Weg sich als Sackgasse erweist, ist es wichtig, dass rechtzeitig zu erkennen und mutig zu wechseln.  

Als ich meine Promotion begann, habe ich genau das erlebt. Ich merkte, dass die Zusammenarbeit mit einem Professor mich nicht voranbringen würde. Also entschied ich mich dagegen und suchte mir eine andere Betreuung, damit ich keine wertvolle Zeit verliere. Solche klaren Entscheidungen sind wichtig, um auf der eigenen Zielgeraden zu bleiben.  

Wichtig ist auch, sich nicht von Menschen verunsichern zu lassen, die einem den Erfolg nicht gönnen – seien es Kolleginnen oder Kollegen oder andere Personen im beruflichen Umfeld. Das ist schade, aber es passiert. Entscheidend ist, sich nicht darauf einzulassen, sondern auf die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu vertrauen.  

Kurz gesagt: Stehen Sie im Mittelpunkt Ihres Lebens, bleiben Sie klar in Ihren Entscheidungen, holen Sie sich Unterstützung – und gehen Sie mit Zuversicht den Weg, den Sie sich wünschen.“  

SWANS: „Vielen Dank für das Gespräch!“  

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