Aysel Osmanoglu: “Als Führungskraft ist es wichtig, den Sinn lebendig zu halten.“

Aysel Osmanoglu ist seit 2017 Vorständin der GLS Bank. Sie verantwortet die Bereiche Firmenkund:innen und Treasury, Kreditberatung und die Kompetenzcenter der Branchen, Strategie sowie Kommunikation. Aysel begann ihren beruflichen Werdegang 2002 als studentische Mitarbeiterin bei der Ökobank, die ein Jahr später von der GLS Bank übernommen wurde. 2006 wurde sie Trainee der GLS Bank und ab 2013 Bereichsleiterin Basisgeschäft und Marktfolge. Sie hat Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg und Frankfurt am Main studiert. Aysel Osmanoglu ist zudem diplomierte Bankbetriebswirtin im Fach Management der Akademie Deutscher Genossenschaften.

Aysel findet ihre Inspiration und Energie in der Natur und in echter Begegnung und Verbundenheit mit Menschen. Sie schätzt die Fülle, die aus dem Zusammenkommen unterschiedlicher Perspektiven entsteht. Ihrer eigenen und inneren Entwicklung widmet sie gerne Zeit. Darin sieht Aysel die Quelle ihrer Wirksamkeit. Außerdem fährt sie gerne mit dem Fahrrad zur Bank. Das Interview führte Haya Saadun.

SWANS: „Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben? Wie sind Sie aufgewachsen?“ 

Aysel Osmanoglu: „Ich hatte eine schöne Kindheit in Bulgarien. Ich ging in eine gut ausgestattete Schule und erinnere mich gerne an meine Klassenlehrerin. Die Ferien verbrachte ich bei meinen Großeltern auf dem Land. Meine Eltern haben meine ältere Schwester und mich immer unterstützt und gefördert. Eine große Veränderung war, als wir von Bulgarien in die Türkei übersiedeln mussten.  Das war ein großer Einschnitt in meinem Leben und auch in dem meiner Eltern. Von Sprache und Lebensraum bishin zu Schule und Beruf mussten wir uns als Familie alles neu aufbauen.“  

SWANS: „Gab es Vorbilder oder Erfahrungen, die Sie früh geprägt haben?“ 

Aysel Osmanoglu: „Da sind viele Menschen, die mich inspiriert haben. Meine Eltern, meine Schwester, mein Großvater, mein Mann, meine Tochter. Meine ältere Schwester war mir auch immer ein Vorbild.“  

SWANS: „Wie wichtig sind Vorbilder für Frauen mit Einwanderungsgeschichte?“ 

Aysel Osmanoglu: „Ich finde das Teilen von Erfahrungen wichtig. Insbesondere um als Frau oder gar als Mutter in einem Land gut ankommen zu können, sind die Erfahrungen anderer und die Wege, die andere gegangen sind, sowie Netzwerke enorm wichtig.“  

SWANS: „Sie sind als junge Frau allein ausgewandert. Welche Hürden trafen Sie auf diesem Weg? Wie konnten Sie diese meistern?“ 

Aysel Osmanoglu: „Es war eine intensive und aufregende Zeit mit Höhen und Tiefen. Ich sehe mich im Studentenwohnheim bei einem Gruppenfrühstück. Alle redeten durcheinander, auf Deutsch. Meine Sprachkenntnisse reichten noch nicht aus, um alles zu verstehen und mitzureden. Da war es mir eng ums Herz. Also diese Anfangszeit war herausfordernd: die Sprache lernen, Einsamkeit aushalten, mich zurechtfinden, Anschluss finden. Ein Mitbewohner nahm mich in den Weihnachtsferien mit zu seiner Familie, sonst hätte ich allein im Wohnheim gesessen. Was für eine wundervolle Geste. Nach über 25 Jahren habe ich ihn vorletztes Jahr zufällig auf der re:publica in Berlin wiedergetroffen!“ 

SWANS: „Wie sieht die Tätigkeit als Vorstandsprecherin einer Bank aus? Wie sind Sie dazu gekommen?“ 

Aysel Osmanoglu: „Ich habe einen durchgetakteten Kalender und viele Termine – das ist die weniger überraschende Seite der Arbeit. Auch die Rahmenbedingungen im Finanzsektor sind sehr direktiv, es bleiben einem immer weniger unternehmerische Spielräume. Dennoch bereitet mir die Arbeit bei der GLS Bank viel Freude. Zum einen weiß ich, dass meine Arbeit Sinn macht und zum anderen arbeite ich mit meinen engagierten und motivierten Kolleg:innen und Kund:innen gemeinsam an den sozialen und ökologischen Zeitfragen. 

Mein Weg zur Vorständin war eine Entwicklung, die ich vielen Menschen auf diesem Weg zu verdanken habe, auch mir selbst. Ich war sehr engagiert, fokussiert und lösungsorientiert, wollte etwas bewegen.“  

SWANS: „Was macht nachhaltiges Banking aus?“ 

Aysel Osmanoglu: „Nachhaltiges Bankgeschäft legt den Fokus auf die sozial-ökologische Wirkung des Geldes, als Kredit, als Kundeneinlage oder als Geldanlage. Es geht um konkrete Dinge, um Grundbedürfnisse, statt um Profit und Gewinnmaximierung. Wichtig ist dabei Transparenz, dass ich also nachvollziehen kann, wofür die Bank Kredite vergibt. In der GLS Bank veröffentlichen wir jedes halbe Jahr die vergebenen Kredite an Unternehmen und Projekte. Und aus dem Anspruch, eine sozial-ökologisch Wirkung zu erzielen, ergeben sich automatisch unsere Kernbranchen, die alle mit menschlichen Grundbedürfnissen zu tun haben. Ernährung, Wohnen, Energie, Gesundheit, Bildung gehören dazu.“ 

SWANS: „Woran erkennt man wirkliche Wirkung statt ‘Greenwashing’?“ 

Aysel Osmanoglu: „Man erkennt es an der Stringenz. Die sozial-ökologische Ausrichtung muss in der Strategie des Unternehmens verankert sein. Das heißt, es müssen soziale und ökologische Ziele gesetzt werden, die genauso gemessen und verfolgt werden, wie die ökonomischen Ziele. Es muss der entsprechende Rahmen gegeben sein. Bei der GLS Bank haben wir unsere Anlage- und Finanzierungsgrundsätze mit den entsprechenden Positivkriterien und Ausschlusskriterien definiert. An diesen Grundsätzen und Kriterien orientieren wir uns bei der Vergabe von Krediten oder bei der Anlage der Gelder. Weiterhin ist es sehr wichtig, darüber transparent zu berichten.“  

SWANS: „Wie verändert Technologie, zum Beispiel Künstliche Intelligenz (KI), das nachhaltige Banking?“ 

Aysel Osmanoglu: „Technologie verändert unser nachhaltiges Banking. KI kann Muster erkennen, Risiken früher sichtbar machen und unsere Entscheidungen zur Wirkung präziser unterstützen. So entsteht mehr Zeit für Menschen und für die Frage, ob eine Finanzierung sozial und ökologisch trägt. Wir sehen schon heute, was möglich ist. In der Landwirtschaft kann die Künstliche Intelligenz Bodenfeuchte aus Bildern lesen und den Einsatz von Wasser und Dünger spürbar senken. Im Tierschutz kann sie Tierbestände in Schutzgebieten identifizieren und melden, wenn Lebensräume bedroht sind. Diese Daten helfen direkt, Arten zu bewahren. Trotz all dem bleibt Technologie ein Werkzeug. Haltung und Verantwortung können nicht automatisiert werden. Nachhaltiges Banking kann durch die Künstliche Intelligenz klüger, schneller und gerechter werden, wenn wir sie bewusst und gemeinwohlorientiert einsetzen.“ 

SWANS: „Welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die im Finanzbereich Karriere machen wollen?“ 

Aysel Osmanoglu: „Ich erlebe meine jungen Kolleg:innen als stark, kompetent und mit einem Bewusstsein für die Herausforderungen, die das Patriarchat immer noch stellt. Deshalb möchte ich keine Ratschläge verteilen. Was es braucht, sind adäquate Rahmenbedingungen und echte Gleichstellung, gleiche Bezahlung und das Überwinden von Rollenklischees. Das müssen wir aber nicht jungen Frauen aufbürden. Ich finde, da sind die Menschen gefragt, die heute in Führung sind. Sie müssen diese Bedingungen schaffen und erhalten. In der GLS Bank sind wir damit schon weit gekommen, trotzdem dürfen wir nicht nachlassen. Den jungen Frauen kann ich nur mitgeben, all das einzufordern und sich dafür immer weiter einzusetzen, egal wie sich der Wind dreht.“ 

SWANS: „Was sind ihre Erfolgsgeheimnisse für eine gute Führung?“ 

Aysel Osmanoglu: „In meiner Führungsbiografie erlebte ich in unterschiedlichen Entwicklungsschritten unterschiedliche Qualitäten, die mir wichtig waren. In diesen Zeiten erachte ich gerade Verbundenheit und Empowerment als Qualitäten, die zukunftsträchtig sind. Für mich hat Verbundenheit zweierlei: den Sinnzusammenhang und die Beziehungsqualität. Wenn wir Sinnhaftigkeit unseres Tuns erleben, gemeinsame Werte teilen und eine Mission haben, dann sind wir leistungsstark. Als Führungskraft ist es wichtig, den Sinn lebendig zu halten. Die Beziehungsqualität entsteht durch echtes Interesse für die anderen, für deren Fähigkeiten, Anliegen, Notwendigkeiten und Wesen. Aus diesem Interesse, für den anderen oder die andere den Rahmen und Möglichkeiten als Führungskraft zu schaffen, sodass die Menschen sich entwickeln können. Und selbstverständlich definiere ich als Vorständin der Bank strategische Handlungsfelder und setze Ziele, um die Mission zu erreichen.“  

SWANS: „Auf welche Errungenschaft sind Sie besonders stolz? Haben Sie etwas, das Ihnen als Wegbegleiter durch besondere Hürden verhalf?“ 

Aysel Osmanoglu: „Ich bin stolz auf die GLS Bank und was sie heute ist. Es ist eine besondere Bank, das sehen auch unsere Mitglieder so. Im privaten Bereich sind mein Mann und meine Tochter die wichtigsten Menschen für mich. Wir kennen uns seit 1998 und gehen seitdem gemeinsam durchs Leben.“ 

SWANS: Welchen Ratschlag würden Sie abschließend unseren ‘Schwänen’ mitgeben?” 

Aysel Osmanoglu: „In jeder Situation steckt eine Chance, es kommt auf uns an, sie zu sehen und zu entscheiden, ob wir sie ergreifen. Ich liebe das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse, vor allem die Stelle, in der es heißt: ‘Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten. 

Das trägt!“ 

SWANS: „Vielen Dank für das Gespräch!“ 

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