Dr.in Mag.a Amani Abuzahra, MA ist promovierte Philosophin, Autorin und Expertin für antimuslimischen Rassismus, rassismuskritische Bildungsarbeit und Diversitätsforschung. Sie lehrt an verschiedenen Hochschulen, hält Vorträge im In- und Ausland und berät Institutionen in Fragen der Diversitätsentwicklung. Ihre Arbeit verbindet akademische Forschung mit gesellschaftlicher Praxis. Als Postdoc-Forscherin war sie an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien tätig. Amani Abuzahra ist Herausgeberin und Autorin mehrerer Bücher, darunter „Mehr Kopf als Tuch – Muslimische Frauen am Wort“ (2018) und „Ein Ort namens Wut“ (2023). Sie tritt regelmäßig auf internationalen Konferenzen aus Rednerin auf und spricht in Fernseh- und Radiosendungen als Expertin zu gesellschaftspolitischen Themen.
SWANS: „Inwiefern haben deine Wurzeln und deine Kindheit in Österreich deine Entwicklung als Philosophin beeinflusst? Wie würdest du deine Kindheit und dein Aufwachsen rückblickend beschreiben?“
Dr. Amani Abuzahra: „Ich bin in Österreich mit mehreren kulturellen und religiösen Erfahrungen aufgewachsen. Diese Gleichzeitigkeit hat mich früh sensibilisiert für Fragen von Zugehörigkeit, vermeintliche Normalität, Diversität und verschiedene Perspektiven.
Wenn du zwischen Kontexten lebst, lernst du, dass das, was als „normal“ gilt, oft nur eine Perspektive unter vielen ist. Dieses frühe Erleben von Differenz, oft auch basierend auf Fremdzuschreibungen – hat mein philosophisches Denken geprägt.
Philosophie war für mich nie abstrakt, sondern immer existenziell: Wer definiert, wer dazugehört? Wer wird gehört – und wer nicht?
Meine Kindheit ermöglichte mir dank meiner Eltern viel Raum für Fragen, Nachdenken – begleitet von dem Bewusstsein, dass Zugehörigkeit verhandelbar sein kann. Genau dort beginnt für mich Philosophie: wenn einem Raum für Tiefgang gewährt wird.“
SWANS: „Wie kam der Wechsel vom Medizinstudium zur Philosophie zustande – und was hat dich zur interkulturellen Pädagogik geführt?“
Dr. Amani Abuzahra: „Ich habe Medizin studiert, weil ich Menschen verstehen und zur Heilung beitragen wollte. Doch während des Studiums merkte ich: Mich interessiert nicht nur der Körper, sondern das Denken, die Weltbilder, die gesellschaftlichen Strukturen. Das Medizinstudium war auch sehr verschult.
Parallel begann ich Philosophie zu studieren. Dort fand ich den Raum für grundlegende Fragen nach Gerechtigkeit, Anerkennung und viele Möglichkeiten des Infragestellen, Kritisierens.
Die interkulturelle Pädagogik ergab sich fast organisch: Wenn man philosophisch über Differenz, Macht und Zugehörigkeit nachdenkt, landet man in Bildungsfragen. Und ich hatte das Glück bei Prof. Franz Martin Wimmer, dem Begründer der Interkulturellen Philosophie in Wien, Lehrveranstaltungen zu besuchen.“
SWANS: „Hast du erlebt, dass man dich stereotyp thematisierte – etwa als ‘die Kopftuch-Trägerin’ – und wie gehst du heute damit um?”
Dr. Amani Abuzahra: „Ja, das habe ich oft erlebt. In vielen verschiedenen Kreisen, ob im medialen oder akademischen Kontext. Reduktion ist eine subtile Form von Entmenschlichung.
Ein sehr bewusster, produktiver Umgang damit war für mich das Herausgeben des Buches „Mehr Kopf als Tuch. Muslimische Frauen am Wort“ (Tyrolia). Statt immer wieder auf Zuschreibungen reagieren zu müssen, wollte ich den Rahmen neu setzen, nämlich nicht über muslimische Frauen sprechen, sondern sie selbst sprechen bzw. schreiben lassen.
Vielfalt sichtbar zu machen ist eine Form der Gegenerzählung und das war und ist nach wie vor bitter notwendig: neue Narrative. Ich versuche insgesamt bewusst damit umzugehen. Ich benenne es, wenn ich merke, dass ich auf ein Merkmal oder Identitätsanteil verkürzt werde. Gleichzeitig versuche ich, Räume zu öffnen, in denen komplexere Erzählungen möglich sind. Sichtbarkeit ist ambivalent, aber sie kann transformierend wirken, wenn man sie selbst gestaltet.“
SWANS: „Was hat dich dazu bewegt, ein Buch über Wut zu schreiben? Was ist deine Mission, dein Antrieb?“
Dr. Amani Abuzahra: „Wut wird oft delegitimiert, besonders bei Frauen und marginalisierten Gruppen. Mich hat interessiert: Was passiert, wenn wir Wut nicht als Störung, sondern als Reaktion auf Ungerechtigkeit verstehen?
‘Ein Ort namens Wut’ entstand aus dem Bedürfnis, diesem Gefühl Raum zu geben und Emotionen politisch ernst zu nehmen. Wut kann zerstören, aber sie kann auch klären, mobilisieren und Veränderung bewirken.
Mich hat zunehmend auch die Frage beschäftigt, was nach der Wut kommt. Wie gestalten wir Zukunft aus dieser Energie heraus? Genau daraus ist auch mein aktuelles Herausgeberinnenprojekt „Muslimische Zukünfte. Imaginationsprozesse und kollektive Träume“ (transcript) entstanden.
Wenn Wut auf Ungerechtigkeit verweist, dann braucht es Zukunftsbilder, die darüber hinausweisen. Ohne Vorstellungskraft keine Veränderung.“
SWANS: „In deinem Buch sprichst du von Wut als Kraftquelle. Wann war der Moment, in dem du deine eigene Wut zum Ausdruck gebracht hast?“
Dr. Amani Abuzahra: „Es gab keinen einzelnen Moment, sondern viele kleine. Ich begann, Wut als kollektives Gefühl zu analysieren, zu reflektieren. Zuerst im Schreiben. Schreiben ist mein Denk- und Transformationsraum: Sprache schafft Handlungsspielräume. Ein Satz, der mich begleitet, lautet: „If you are not angry, you are not paying attention.”
Wut ist oft ein Zeichen von Aufmerksamkeit, ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt und zugleich das nicht hinzunehmen, sondern zu verändern. In meiner Arbeit habe ich mit vielen marginalisierten Menschen gesprochen, ihre Erfahrungen gehört, ihre Verletzungen, aber auch ihre Klarheit. Mir wurde bewusst, dass vieles davon keinen öffentlichen Ausdruck findet. Ein Teil meines Schreibens ist deshalb auch ein Versuch, das, was viele fühlen, in Worte zu fassen, nicht stellvertretend, sondern verstärkend. Wut wird tragfähig, wenn sie geteilt, reflektiert und in Sprache überführt wird.“
SWANS: „Wie kann Wut Räume schaffen – in Community-Projekten, Kunst oder zivilgesellschaftlichem Engagement?“
Dr. Amani Abuzahra: „Wut macht sichtbar, wo Grenzen verletzt werden. In Community-Arbeit kann sie Solidarität stiften: ‘Du fühlst das auch?’ In Kunst kann sie neue Bilder und Narrative hervorbringen. In der Zivilgesellschaft kann sie politisch wirksam werden, wenn sie reflektiert ist.
Entscheidend ist die Richtung: Wut, die nach innen frisst, erschöpft. Wut, die in Gestaltung übersetzt wird, verändert.
Genau an dieser Schnittstelle von Emotion, Gesellschaft und Potential zur Veränderung versuche ich auch wissenschaftlich zu arbeiten: Wie entstehen kollektive Vorstellungen davon, wer dazugehört und wie können wir diese Vorstellungen neu denken?“
SWANS: „Hast du konkrete Anleitungen für Selbstfürsorge und emotionale Arbeit, insbesondere beim Umgang mit Wut oder Enttäuschung?“
Dr. Amani Abuzahra: „Selbstfürsorge beginnt mit Ehrlichkeit: Was fühle ich wirklich? Dann folgt Differenzierung: Ist es Wut, Enttäuschung, Trauer? Ich arbeite viel mit Schreiben, Gesprächen, Bewegung, wie Sport. Wut ist eine Form der Energie und Bewegung hilft mir, das besser zu verarbeiten. Emotionsarbeit ist anti-rassistische Arbeit. Rassismus kostet unglaublich viel Energie und Wut ist quasi das Anzeichen dafür, dass es reicht und an der Zeit ist, Veränderung einzuleiten. Wichtig ist auch kollektive Selbstfürsorge. Wir müssen nicht alles alleine tragen. Aktivismus ohne Regeneration führt in Erschöpfung.“
SWANS: „Wer oder was hat dich auf deinem Weg am stärksten unterstützt – Mentor:innen, Netzwerke oder Erfahrungen?“
Dr. Amani Abuzahra: „Eine Kombination aus vielen verschiedenen Herzensmenschen. Meine Familie, community, Gemeinschaft, die trägt und hält, Kolleg:innen, aber auch Bücher. Ich liebe es mir Kraft aus der Literatur zu holen. Träume sind auch eine starke Unterstützung für mich. Ich liebe Tagträume und das Nachdenken darüber, wie es anders sein kann und darf.“
SWANS: „Was braucht es, um ein erfolgreiches Buch zu schreiben?“
Dr. Amani Abuzahra: „Gute Frage. Viel Schreiben, viel Lesen, beobachten, Geduld, die Bereitschaft, sich in Worten zu zeigen. Erfolg ist dabei relativ – für mich bedeutet er, dass ein Text Resonanz erzeugt und Debatten eröffnet.“
SWANS: „Was hättest du gerne gewusst, bevor du ein Buch veröffentlicht hast? Welche Erkenntnisse kannst du dazu teilen?“
Dr. Amani Abuzahra: „Dass der Verlag eine große Rolle spielt. Dass Schreiben ein langfristiger Prozess ist, nicht nur das Manuskript, sondern auch Positionierung, Verlagssuche, Öffentlichkeit. Und dass Ablehnung kein Urteil über Qualität ist, sondern Teil des Systems.“
SWANS: „Worauf bist du besonders stolz?“
Dr. Amani Abuzahra: „Darauf, komplexe Themen verständlich und zugänglich machen zu können. Ich bekomme oft das Feedback, dass mir das gelingt. Und darauf, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich gesehen fühlen.
Ich freue mich besonders, wenn es mir gelingt, thematisch Brücken zu schlagen: von Emotionen wie Wut über historische Tiefenschärfe bis hin zu Zukunftsvisionen. In meinem Buch „Von der k.u.k. Monarchie bis zum Islamgesetz 2015. Musliminnen und Muslime in Österreich“ (Herder) versuche ich etwa zu zeigen, dass aktuelle Debatten ohne historische Kontextualisierung unvollständig bleiben.
Mit meinen aktuellen Publikationen versuche ich insgesamt, Geschichte, Gegenwart und Zukunft als zusammenhängende Räume zu denken.“
SWANS: „Welchen Ratschlag gibst du abschließend unseren ‘Schwänen’ mit?”
Dr. Amani Abuzahra: „Schreibt euch in Geschichte ein, nicht als Fußnote, sondern als Kapitel. Nehmt Räume ein, die euch zustehen. Und lasst euch eure Wut nicht nehmen. Verwandelt sie in Gestaltungskraft.“
SWANS: „Vielen Dank für das Gespräch!“


